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Mit Ulpá, Mon Roe, Kometa, Joycehotel, 13. Mai 2006, Schultheiss-Brauerei, Berlin
Tatort: Die Eingeweide der einstigen Schultheiss-Brauerei Skandinavische Enklave
Und wenn schon kein Skandinavier persönlich Hand anlegt, dann findet sich irgendwo im Veranstaltungskalender ein Lichtspielhaus, das dänisches Autorenkino der 70er Jahre zeigt, oder ein Klub, der zu finnischer »Humppa-Musiikki« einlädt. Skandinavien ist beliebt. Und so überrascht es nicht, dass es im Rahmen des Polarzoo-Festivals sechs hierzulande teils unbekannteren Gitarrenbands gelang, das Kesselhaus in der Kulturbrauerei anständig zu füllen. Der Veranstaltungsort erwies sich dabei als eine gelungene Wahl, schuf doch der Raum mit seinen hohen Decken, aufgeplatzten Wänden und rostigen Stahlträgern eine gleichermaßen dunkle und intime Atmosphäre. Ulpá
Spätestens bei Ulpás filigran-gewaltigem Hit »Dinzl« ging ein Ruck durch das Kesselhaus. Neues Publikum kam hinzu und fing an, sich zu den sperrigen Rhythmen zu bewegen. Bevor der Auftritt jedoch richtig angefangen hatte, war er auch schon vorbei. Nach viel zu kurzen dreißig Minuten wurde der Strom abgedreht, und die Musiker verschwanden unter freundlichem Beifall im Backstage-Bereich. Mon Roe
Musikalisch vollzogen Mon Roe einen harten Schnitt zu Ulpá. Anstatt mit komplizierten Soundcollagen aufzuwarten, spielte man eine eingängige und luftige Mischung aus Beat und Rock. Das Publikum dankte es ihnen, indem es die Lieder lautstark mitgrölte. Gelegentliche Bierfontänen aus dem Mund des Sängers Saint trugen zur heiteren Stimmung bei und unterstrichen noch einmal, worum es der Band hauptsächlich ging: den Zuhörern eine gute Show zu bieten.
Kometa
Das inzwischen zahlreich anwesende Publikum schien etwas verwirrt, konnte sich für den berserkerhaften Auftritt der Finnen nicht wirklich erwärmen. Auch die übrigen Stücke verfolgte es eher mit vorsichtigem Interesse denn mit rauschender Begeisterung. Kometa ließen sich jedoch nicht beirren und zogen ihr Programm knallhart durch. Sie schienen gar in so guter Stimmung, dass Sänger Vänttinen gleich zwei Mal sein Leben riskierte und sich gekonnt stümperhaft über die Bühne abrollte. Die Massen hatten letztlich ihre Freude und zollten dem Trio aus Helsinki brav ihren Respekt. Joycehotel
Joycehotel wirkten von Anfang an etwas träge. Ihrem Sound fehlte es an Wucht und Radikalität, an komplexen Strukturen, die in dekonstruktivistischer Manier auseinander fallen und sich wieder zusammenfügen. Stattdessen plätscherten ihre Stücke gefällig dahin, reihte sich ein Lied an das nächste, ohne dass es zu nennenswerten Tief- und Höhepunkten kam. Das ist sicherlich nicht schlecht, aber eindeutig zu wenig, um in einer Liga mit Thom Yorke und Greg Dulli zu spielen. Eventuell trügt dieser hinterbliebene Eindruck jedoch, da die Kopenhagener während ihres gesamten Auftritts mit Technikproblemen zu kämpfen hatten. The Low Frequency In Stereo
The Low Frequency In Stereo gelang es mühelos, die Zuhörer für sich zu gewinnen und in einen tranceartigen Zustand zu versetzen. Der Mensch wurde zum Statisten; im Mittelpunkt stand einzig und allein die Musik. Erst als Frau Andersen ihre Stimme erhob und einige Textzeilen intonierte, entstand ein winziger Riss im Klanggefüge zumindest im ersten Augenblick. Es dauerte allerdings nicht lange, bis der Gesang an Wärme gewann und mit dem organischen Gitarrenmeer zu einer Einheit zerschmolz. Sugarplum Fairy
Endlich! Der Grund, weshalb so viele junge Frauen über vier Stunden hartnäckig vor der Bühne ausgeharrt, den bisherigen Auftritten aber kaum Interesse entgegengebracht hatten, schritt lässig und mit leichter Verspätung ins Rampenlicht. Er sah adrett aus, trug modische Wuschelfrisuren und war insgesamt gerade mal hundert Jahre alt: Sugarplum Fairy, der flotte Fünfer aus Schweden. Noch bevor die ersten Takte erklungen waren, gab es im Kesselhaus kein Halten mehr. Da wurde gedrängelt und geschrieen, geschoben und gejubelt. Ein Vergleich mit Tokio Hotel mag zwar ein wenig überspitzt sein, ist aber nach den erlebten Bildern nicht ganz abwegig.
Nun stand definitiv nicht mehr die Musik im Vordergrund, sondern der Künstler. Professionell setzten sich die Gebrüder Norén in Szene, sangen leidenschaftlich und mit schmerz verzogenem Gesichtsausdruck oder blickten leicht überheblich in die Menge. Dem Publikum war dies herzlich egal. Insbesondere der weibliche Anteil feierte seine Helden, so als gäbe es keinen Morgen. Mit ihrem soliden und schnörkellosen Gitarrenpop avancierten Sugarplum Fairy zu den Gewinnern des Abends. Nach über fünf Stunden skandinavischer Musikkultur öffnete das Kesselhaus schließlich seine Pforten und entließ die freudetrunkene Menge in eine warme und sternenklare Frühlingsnacht.
© 2006 Text und Fotos: Marco Pütz |
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