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Mit u.a. Ultralyd, Eldbjørg Raknes & TINGeLING, Humcrush & Sidsel Endresen, The Thing, Mikko Innanen & Innkvisitio 25. - 28. Mai 2007, Moers
Tatort: blaues Zirkuszelt im Moerser Stadtpark
Kontrast
Ultralyd
Auch Kjetil Møster lässt auf dem Saxophon keine Melodien zu; mit abgeschraubtem Mundstück webt er Geräuschhaftes in die elektronischen Teppiche ein, oder er nutzt das eigentlich so warm klingende Instrument als pochende Rhythmusmaschine. Dann korrespondiert er mit Schlagzeuger Morten J Olsen, der nach Beckenzischeln und grummelnden Wirbeln auf einer Großen Trommel immer wieder einen harten, trockenen Beat aufbaut, der seltsam unverbunden mit den anderen Instrumenten die flächigen Klänge zerhackt. Es passt, wie die vier ihre Musik durch eine Bühnenpräsenz unterstreichen, die kaum introvertierter sein könnte: die Augen geschlossen oder auf den Boden gerichtet, aufeinander lauschend, ein verschworener Zirkel, der das Publikum außen vor lässt und gerade dadurch eine unbehagliche Spannung aufbaut. Die entlädt sich dann in Noise-Attacken, in trotzigen Schlägen, die von Dingen wie Songstruktur, Melodie, Dramaturgie und Beat nur noch Trümmer übriglassen. Ultralyds Musik operiert an den Grenzen von Musik, ist ein oft grabesschwerer Abgesang, der sich mit den Resten und Brocken seiner selbst beinahe erstickt. Damit schlagen die Norweger eine Brücke zwischen zahlreichen anderen Beiträgen des Festivals, die sich ebenso diesseits und jenseits der Hörgrenzen herumtreiben: von Anthony Braxtons hoch artifiziellem Freejazz-Gebilden zu den harschen Noise-Gewittern von Keiji Haino und Merzbow zum Beispiel, oder von der hochenergetischen Improvisation von Gitarrist Olaf Rupp und Drummer Shoji Hano zu den symphonisch aufgetürmten Krach- und Schrei-Wällen des Duos Fennesz & Mike Patton. Programmatisch also war Ultralyd am ersten Festivaltag genau richtig platziert. Eldbjørg Raknes
Die Texte funktionieren bei Raknes als Assoziationsräume, die sie immer wieder lautmalerisch in Zischen und einzelne Vokale zerlegt. Dieses engmaschige Verweben und Verknoten kippt mal ins Melancholische, mal ins Düstere, mal in orchestralen Pomp und mal ins schneidende, alle Höranker wegreißende Geräusch, das Raknes mit ihrer tiefen, warmen Stimme kontrastiert. Auf diese Weise laufen in jedem Song mindestens einmal Hörerwartungen ins Leere, was die Musik von TINGeLING ebenso fordernd wie faszinierend macht. Humcrush
Denn hier musizieren drei Perfektionisten und Minimalisten auf Augenhöhe. Strønen und Storløkken verstehen es nach zwei CDs und vielen Jahren gemeinsamer Arbeit perfekt, ihre Klänge zu verschmelzen knorkige und entkernte Synthie-Sounds mit der perfekt abgezirkelten Perkussion von allerlei elektronisch verfremdeten »beateable items«, mit denen Strønen sein Drumset erweitert hat. Die beiden Musiker kleiden sich in ein retro-futuristisches Outfit mit aufgeklebten Plastik-Neon-Streifen, und auch ihre eiskalt wummernde, klackende, fiepende und doch beängstigend präzise synchronisierte Insektenmusik scheint einem ziemlich komplizierten Elektronengehirn zu entstammen, das allerdings genauso ein Faible für Drive und Energie besitzt. Sidsel Endresen nun lauscht sich tief und konzentriert in die tickenden Klangwüsten ein und setzt Humcrushs Ästhetik in eine Sprache um, die sich konsequent von Verständlichkeit und Menschlichkeit entfernt. Warme Melodieansätze beginnt sie hechelnd und schnalzend zu zerstückeln, bis ihre Fantasietexte klingen wie durch den digitalen Schredder gedreht. Man mag kaum glauben, dass das Trio seine Stunde Auftritt komplett improvisiert, so dramaturgisch perfekt sind die Sessions aufgebaut, so genau und differenziert hören und reagieren alle drei auf minimalste Impulse von den Mitspielern. Als am Ende die letzte Improvisation ebenso unverhofft wie konsequent abbricht, quittiert Endresen das mit einem erstaunten Lachen und einer wegwerfenden Handbewegung: Es scheint etwas innerhalb der Musik der drei zu sein, das die Musiker treibt und dirigiert und das trotz der extremen Kontrolle nicht ganz in ihrer Hand zu liegen scheint. The Thing
Wie man die Musik nennen könnte, wissen die Bands selbst nicht so genau. Hardcore-Freejazz vielleicht? Das ist ebenso gut wie andere Schubladen, die einem eh schon nach den ersten Minuten um die Ohren fliegen. Denn was da an Druck, Drive, Spielwut von der Bühne knallt, hat ein Energielevel an der Obergrenze, das eine ganze Stunde lang nicht mehr abfällt. Dabei ist die Musik dieser Nord-Süd-gepolten Band deutlich differenzierter als das Haudrauf von Scorch Thing: Immer wieder stampfen erbarmungslos Beats los, gepeitscht von zwei Schlagzeugen und Bässen. Darüber lassen Luca T Mai und Mats Gustafsson ihre Saxophone kreischen und röhren, knallen und quietschen. Und außerdem betätigen sie sich als Elektroniker, immer mal wieder kippt die vorangeprügelte Powermusik in statisch rauschendes, zischendes und brodelndes Noise um; die Zugabe besteht ganz und gar aus diesem geschredderten Klang. Das Gipfeltreffen der Trios wird so zu einem mitreißenden, perfekt inszenierten Über-Bord-Werfen aller Spielkultur, was das Publikum deutlich mehr begeistert als die Krachorgie des Vorjahres. Mikko Innan & Inkvisitio
Und auch bei der Frage nach dem Stil gerät man in Formulierungsnot. Irgendwie Jazz, das schon, aber genauso Free wie Elektro, genauso Folk wie Experimental, Calypso und Polka, Tanztee, Salonmusik, Avantgarde. All das mixen die Finnen nach rätselhaften Rezepten zu einer Mischung zusammen, die ebenso buntschillernd ist wie die psychedelischen Oberhemden von Keyboarder Kantonen und Frontmann Innanen. Holpernd schält sich da ein Humpa-Rhythmus aus Geklingel und einem atemlos rasenden Sax-Solo. Wollig wummern sehr seltsame Bassregister von der Orgel, im B-Movie-Science-Fiction-Stil.
Irgendwann fischt Innanen eine Handvoll klingenden Kinderspielzeug aus einer Tasche am Boden: Pfeifchen und Tröten, Plastiksound-Gimmicks, mit denen er ein von unendlichen Pausen durchsetztes Fiep-Solo zusammenzaubert. Genres und ihre Konventionen sind den Finnen hörbar schnurzegal, sie haben diese bei ihren Landsleuten so verbreitete Musik-Haltung konsequent bis ins Absurde weiterentwickelt. Bei den Zuhörern provoziert das immer wieder verwundertes Auflachen, wenn grad mal wieder eine Hörerwartung purzelnd zusammenbricht. Doch sollte all die Leichtigkeit, der so pokerfacige Witz nicht darüber hinwegtäuschen, dass die vier Finnen ein perfekt eingespieltes Team sind. Skandinavien
Andere sind noch auf der Suche nach dem eigenen Beitrag zum Neuen, tastend und probierend und mit ausdrücklich beeindruckenden Resultaten, so wie Mike Patton, der sich schreiend und knöpfchendrehend von seinem Faith-No-More-Sänger-Image losreist. Die Nordländer jedoch sind schon bei sich angekommen, wie es scheint. Hinter den Genregrenzen wartet jede Menge unbesiedeltes Land. Sie sind die Pioniere.
© 2007 Text und Fotos: Sebastian Pantel
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