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Mit Mugison, Scorch, The Thing, Susanna & The Magical Orchestra, 2. - 5. Juni 2006, Moers
Tatort: blaues Zirkuszelt im Moerser Stadtpark
Mugison
Das liegt nahe hat sich doch der Norden in den letzten Jahren als Europas spannendste Region erwiesen, wenn es um die Weiterentwicklung einer Musik geht, die inzwischen mit Einzelbegriffen wie Jazz, New Jazz, Acid Jazz, Improvisation, Elektronik oder Noise immer nur halb zutreffend beschreibbar ist. Zum Beispiel Mugison. Der bärtige Isländer, eigentlich eine Ein-Mann-Show mit Gitarre, Elektronikgerät und Reibeisenstimme, stand diesmal mit Bassist Guðni und Drummer Addi auf der Bühne. Scheinbar ist es Bluesrock, was er da macht, treibend und rau und gradlinig, mit der passend röhrenden Stimme.
Aber dann, bei »Sad As A Truck« etwa, dreht er an den Knöpfen, und es rauscht und knarzt und fiepst fies elektronisch bei der Zwischenmoderation bedankt sich Mugison dann auch brav bei den deutschen Musik-Software-Programmierern. Ein neuer Song, und der klingt verdächtig nach Placebo, nur besser. Und wieder neu: Die Band spielt schmalzigen Elvis-Sound, Mugison grunzt und grölt einen Balladentext darüber wie der düsterste finnische Metaller. Irgendwie hat das alles den Blues in sich, ist aber so energetisch bekloppt und unvorhersehbar, dass es ein Spaß ist. Scorch Thing = Scorch & The Thing
Der Wuppertaler Freejazz-Veteran und Festival-Urgestein Peter Brötzmann hatte zwei Tage zuvor schon die Trommelfelle ordentlich bearbeitet, aber gegen die gesamtskandinavische Scorch Thing-Fraktion war das schönstes Easy Listening. Bass und Schlagzeug der norwegischen Rhythmusgruppe lassen das Fundament bedrohlich rumpeln, die Soli der beiden Frontmänner sägen und kreischen unter Dauerstrom.
Selbst den fiesen Rückkopplungston mittendrin hätte man für Absicht gehalten, wenn sich Björkenheim hier nicht selbst die Ohren zugehalten hätte da meinte es die Tontechnik etwas zu gut. Insgesamt aber legte die Scorch Thing-Kooperation einen großartigen Auftritt hin, nachdem die wenigen Verbliebenen ebenso erschöpft wie selig zur Erholung aus dem Zelt in die Sonne torkelten. Susanna & The Magical Orchestra
Arve Henriksen
Die Wahl des Norwegers begründet der kalkulierende Programmmacher ganz offen damit, dass ihn der Sound »vorbei an meiner beruflich bedingten Abgebrühtheit mitten ins Herz« getroffen habe. Das nachzuvollziehen, diesen typisch norwegischen Mut zu musikalischer Schlichtheit und Schönheit, diese Musik, die voller Leerstellen und Eiseskälte ist und trotzdem so tief emotional, hatte das Publikum gleich dreimal die Möglichkeit. Nach der perfekt konzipierten Eröffnungs-Performance »FLY«, konzipiert von Klangforscher Terje Isungset, und ergänzt durch Jan Bangs und Helge Stens sezierte Elektronik-Sounds sowie Dhafer Youssefs Oud, spielte Henriksen das letzte Set am Samstagabend zusammen mit Bang und Audun Kleive (Percussion) siehe Foto ganz unten. Ganz in kaltes Blau getaucht spielten sie ihre Musik, die auf optische Metaphern baut: Licht und Schatten, Hell und Dunkel, Transparenz und Undurchsichtigkeit. So statisch diese Musik auch ist, bestehend aus kühlen Flächen und komplexen Schichtungen, so lebendig ist sie auch. Henriksen spielt und atmet verhalten ins Mikrofon, singt archaischen Obertongesang und bricht in naives Juchzen aus. All das schickt Bang durch seine Effektmaschinen und gibt es geschreddert, verdichtet, zerdehnt und verhallt wieder in die Klangarchitektur zurück, die Sounds verbinden sich zu einem organischen Fluss, der jedes Zeitgefühl beim Hören auflöst und, trotz aller krassen Fremdartigkeit, einfach nur wunderschön ist.
Allerdings entpuppt sich bei diesen nordischen Stille- und Zerbrechlichkeitsstudien das ansonsten bestens beschallte Festivalzelt als suboptimal. Nie kommt rechte Ruhe auf, das Publikum läuft hinein und hinaus über knarzende Holzbohlen. Vielleicht wäre es in Zukunft angebracht, für Sets dieser Art das Zelt zu schließen. Denn dass alle pünktlich zu Beginn auf ihren Plätzen sein konnten, dafür sorgte ein Pausengong, den Arve Henriksen und Terje Isungset aus Trompeten- und Eispercussion-Klängen gebastelt haben. Der hat sich nach vier Tagen so eingeprägt, dass er nun auf vielfachen Wunsch zum Download bereit steht, als Wecker am Morgen oder, wer weiß, sogar als Handy-Klingelton (www.moers.de/festival) Nils Petter Molvær
Zunächst scheint dies überhaupt nicht zu den satten, überwertigen Dubs von Laswell zu passen bis man sich eingehört hat. Dann werden Bass und Drums zum Basis-Puls, der die filigranen Sounds der Trompete trägt. Dieng fungiert dabei als Vermittler zwischen den Ebenen, er strickt mit Gongs und Rasseln, Bongos und Glocken den erdigen Bass-Groove mit den schwerelosen Trompeten-Flächen zusammen. Und auch Aarset entpuppt sich plötzlich als begabter Blues-Gitarrist, selbst wenn seine Soli natürlich immer eine Spur frickelig und haltlos flächig bleiben. In den ausgedehnten Improvisationen wird es sowieso am Deutlichsten: Hier begegnen sich Weltklasse-Musiker auf Augenhöhe. So feiert die Zuhörerschaft, obschon verwöhnt von einem extrem hochwertigen Festival-Programm, diesen Auftritt mit stehenden Ovationen. Das Fazit: Eingebettet in ein bis auf ganz wenige Ausnahmen großartiges Programm aus ungarischem Freejazz und Balkan-Beats, Slayer-Bigband und Sologrößen wie Matana Roberts und Dewey Redman, bildet der nordische »Jazz« (im weitesten Sinne) den roten Faden in Moers 2006. Unter Michalkes Leitung geht das Festival weg vom Weltmusik-Schwerpunkt hin zum Experimentellen und Unerhört-Neuen der Improvisierten Musik, und holt dabei die Skandinavier logischerweise ins Boot. Denn was derzeit im Norden heranwächst, könnte die Musik der Zukunft sein. Ob die dann noch »Jazz« heißen wird, ist die Frage. Dass sie auf jeden Fall spannend und begeisternd und »neu« sein wird, das haben die Skandinavier dieses Jahr in Moers mal wieder eindrucksvoll unter Beweis gestellt.
© 2006 Text und Fotos: Sebastian Pantel
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