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Alle Rezensionen zu Jean Sibelius
(Genre »Klassik«, Land »Finnland«)

 

Jean Sibelius: The Complete Music for Voice and Orchstra (Kantaten, Melodramen, Orchesterlieder)
Diverse Interpreten
( 2007, BIS BIS-CD-1906/08 , Einspielung: 1984–2007 )

Wie ein roter Faden zieht sich die Musik von Jean Sibelius durch die Firmengeschichte des 1973 gegründeten schwedischen Erfolgslabels BIS. Und die Tradition reicht noch weiter zurück: Voller Stolz verweist der Firmengründer Robert von Bahr auf seinen Urgroßvater Karl Fredrik Waselis, der sich einst als erster Verleger überhaupt der Musik Sibelius' annahm.

Man sagt, Tradition verpflichtet. Auch wenn das Wort im kommerzialisierten Kulturleben nur noch eingeschränkten Wert besitzt, so ist es doch wohl nur der damit verbundenen individuellen Begeisterung zu verdanken, dass pünktlich zu Sibelius' 50. Todestag die ersten Folgen einer auf 65 CDs in 13 Boxen angelegten Gesamteinspielung erschienen – ein fast schon überwältigendes Großunternehmen, zu dem heute wohl keiner der sogenannten Majors mehr in der Lage ist. Freilich kann das Label auch auf den umfangreichen eigenen Katalog zurückgreifen. Doch neben den Wiederveröffentlichungen zumeist hochkarätiger Einspielungen stehen auch Neuproduktionen, die ältere Aufnahmen ersetzen oder richtige Premieren darstellen, gemäß dem über allem stehenden Motto »every note he ever wrote«.

Nach der Orchestermusik und einem ersten Teil der Kammermusik bietet die dritte Box sämtliche Werke für Gesang und Orchester in allen Fassungen und in chronologischer Reihenfolge – vom schlichten Lied über gewichtige Orchestergesänge, kraftvoll-patriotische (Gelegenheits-)Werke, dem Opern-Einakter »Die Jungfrau im Turm« bis hin zur großen Chorsinfonie »Kullervo« op. 7. Abgedeckt wird damit ein Werkkorpus, das in seiner ganzen Breite wohl auch in Finnland kaum bekannt sein dürfte, aber für Sibelius' Schaffen von zentraler Bedeutung ist. (mku)

Jean Sibelius: Jean Sibelius: The Complete Music for Voice and Orchstra (Kantaten, Melodramen, Orchesterlieder)

 

Jean Sibelius: Symphonie Nr. 2 D-Dur op. 43, En Saga op. 9, Luonnator op. 70
Ute Selbig (Sopran), Staatskapelle Dresden, Sir Colin Davis (Leitung)
( 2006, Primal Music PH05049 , Einspielung: 1988, 2003 )

Wer die Staatskapelle Dresden auch nur ein einziges Mal im Konzert erlebt hat, der wird dieses Erlebnis kaum vergessen. Nur einen Abglanz davon kann ein Live-Mitschnitt vermitteln. Und dennoch ist es gerade dieser Umstand, der den besonderen Reiz dieser CD ausmacht. Wie immer musiziert die Staatskapelle mit offenem Visier – so auch unter ihrem Ehrendirigenten Sir Colin Davis, der schon mit anderen Klangkörpern bei Sibelius angekommen ist.

Trotzdem wirkt die Einspielung der Sinfonie (1988) ungleich kompakter als die von »En Saga« und »Luonnator« (2003), bei denen die Mikrophone die Partituren, ihre Interpreten und Solisten, mitunter auch gnadenlos sezieren. Dennoch wird man nur selten einmal die schwierigen Tondichtungen in ähnlicher Weise durchhören können. (mku)

Jean Sibelius: Jean Sibelius: Symphonie Nr. 2 D-Dur op. 43, En Saga op. 9, Luonnator op. 70

 

Jean Sibelius: Luonnotar op. 70, diverse Orchesterlieder
Soile Isokoski (Sopran), Helsinki Philharmonic Orchestra, Leif Segerstam (Leitung)
( 2006, Ondine ODE 1080-5 , Einspielung: 2005 )

Erstaunlich, dass in den vergangenen Monaten gleich mehrere Einspielungen von Sibelius' ebenso kosmisch-flirrendem wie sperrigem und Grenzen überschreitendem symphonischen Gesang »Luonnotar« auf CD erschienen. Den schwierigen, mehr zu erzählenden als auszusingenden Solopart deutet Soile Isokoski, eine der international angesehensten finnischen Sängerinnen, mit hochdramatischem Impetus.

Der will in diesem Fall aber so gar nicht zum erstaunlich durchsichtig und fast schon sachlich gestalteten Orchesterpart passen – Segerstam, der sonst nur allzu gerne mit breitem Pinsel pastos zeichnet, scheint sich eigenartigerweise gerade hier auf die Partitur zu besinnen. Die daraus resultierende Spannung hält auch in den weiteren 18 Liedern an, die man als ein flammendes Plädoyer dieses fast verschollenen Repertoires hören kann. (mku)

Jean Sibelius: Jean Sibelius: Luonnotar op. 70, diverse Orchesterlieder

 

Jean Sibelius: Six Humoresques op. 87 & 89, Two Serenades op. 69, Suite op. 117, Swanwhite (Suite) op. 54
Pekka Kuusisto (Violine), Tapiola Sinfonietta
( 2006, Ondine ODE 1074-5 , Einspielung: 2006 )

Eine Humoreske ist auch bei Sibelius kein billiger musikalischer Spaß, sondern fordert instrumentalen Witz der edleren Sorte. Und das Gespür für den damit verbundenen leichtfüßigen, bisweilen aber auch doppelbödigen Ton kann Pekka Kuusisto für sich zweifelsohne in Anspruch nehmen. Seit vielen Jahren auf CD und im Konzertsaal ausgewiesen aus virtuoser Solist, fügt er nun seinem Repertoire mit viel detailverliebter Spielfreude eine ganz neue Note hinzu.

Nicht nur in der symbolistischen »Schwanenweiß«-Suite, sondern auch in den vermeintlich leichteren Nummern begegnet der kernige Sibelius (bis auf das op. 117, freilich eine Gelegenheitsarbeit für Übersee). Trotz klanglicher Ausgewogenheit bleibt die souveräne Sinfonietta aus Tapiola zu kompakt. Dennoch: ein gleichermaßen heiteres wie kerniges Vergnügen. (mku)

Jean Sibelius: Jean Sibelius: Six Humoresques op. 87 & 89, Two Serenades op. 69, Suite op. 117, Swanwhite (Suite) op. 54

 

Jean Sibelius: Kullervo op. 7.
Charlotte Hellekant (Mezzo), Nathan Gunn (Bariton), Atlanta Symphony Orchestra and Chorus, Robert Spano (Leitung)
( 2006, Telarc 80665 , Einspielung: 2006 )

»Das Kalevala scheint mir ein sehr modernes Werk zu sein. Es liest sich wie reinste Musik.« So schrieb Jean Sibelius im Herbst 1890 seiner Verlobten aus Wien. Zwar war er nicht der erste Komponist, der sich mit dem finnischen Nationalepos beschäftigte, doch ließ er sich wie kaum ein zweiter durch die archaischen Runen zu einer Vielzahl von Werken inspirieren. Ganz am Anfang steht dabei mit der Kullervo-Sinfonie die gewichtigste Partitur – ein mehr als einstündiges Werk in fünf Sätzen mit vollem Orchester, einem betörenden Liebesduett und einem kantigen, das tragische Ende berichtenden Männerchor.

Was das Stück auszeichnet, ist eine ungemein frische, ungebändigte rhythmische Kraft, eine überreiche Klangfantasie und ein effektvoller dramatischer Gestus. All das wird (bei namhafter Konkurrenz im Katalog) von den Mannen aus dem fernen Atlanta geradezu vorbildlich hörbar gemacht. Eine wahrer Ohrenschmaus – »ganz im finnischen Geist.« (mku)

Jean Sibelius: Jean Sibelius: Kullervo op. 7.

 

Jean Sibelius: Kullervo op. 7
Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz, Ari Rasilainen (Leitung)
( 2006, cpo 777 196-2 , Einspielung: 2005 )

Obwohl Sibelius nicht der erste Komponist war, der sich mit dem finnischen Nationalepos Kalevala beschäftigte, so ist er doch mit einigem Abstand derjenige Komponist, der sich am stärksten durch die archaischen Runen anregen ließ. Erstmals schlägt sich dies nieder in der weit über einstündigen Kullervo-Partitur – einem Werk, das irgendwo zwischen (szenischer) Kantate und sinfonische Dichtung anzusiedeln ist, bei dem aber Sibelius nachdrücklich darauf bestand, dass es sich um eine »Sinfonie (nicht Suite)« handelt. Das muss überraschen, bedenkt man die fünfsätzige Disposition, den literarischen Vorwurf und die Einbeziehung von Chor und Solisten. Jedoch macht die von ihm in Anschlag gebrachte Gattungsbezeichnung, die übrigens auf dem Manuskript eigenartigerweise fehlt, klar, wo Sibelius die Komposition musikhistorisch verortet wissen wollte – nämlich in der Nachfolge von Beethovens 9. Sinfonie und den von ihr ausgehenden Werken.

Sibelius, der mit Schwedisch als Muttersprache aufwuchs, verdankt das Interesse an der Kalevala vor allem seiner Verlobten Aino Järnefeld, die der nationalen Idee eng verbundenen war. Im Herbst des Jahres 1890 berichtete er ihr: »Es ist gut, dass Sie die finnische Sprache und finnische Dinge lieben. […] Ich lese sorgfältig in meinem Kalevala, und fühle, dass ich Finnisch schon viel besser verstehe. […] Das Kalevala scheint mir ein sehr modernes Werk zu sein. Es liest sich wie reinste Musik, wie ein Thema mit Variationen.«

Geradezu prophetisch für das weitere Œuvre und dessen Rezeption liest sich dann die erste Ankündigung des Kullervo am 15. April 1891: »Ich arbeite jetzt an einer neuen Symphonie, ganz im finnischen Geist.« Warum Sibelius nach insgesamt sechs (erfolgreichen) Aufführungen das Werk dann in der Schublade verschwinden ließ, ist bis heute nicht ganz geklärt. Denn bereits hier findet sich jener charakteristische Tonfall, der fortan das weitere Schaffen bestimmen sollte. Zudem spricht aus der Partitur eine ungemein frische, ungebändigte rhythmische Kraft, wie auch eine reiche Klangfantasie (ganz abgesehen vom sicheren dramatischen Gespür) – Eigenschaften, die auch die Einspielung der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter ihrem Chefdirigenten Ari Rasilainen auszeichnet. Dies betrifft auch die durchsichtige Aufstellung des Klangkörpers, mit der auch so manches Risiko eingegangen wurde. Pluspunkt: der vollständig und in Übersetzungen abgedruckte Gesangstext. (mku)

Jean Sibelius: Jean Sibelius: Kullervo op. 7

 

Jean Sibelius: Pohjolas Tochter op. 49, Sinfonie Nr. 4 op. 63, Finlandia op. 26
Helsinki Philharmonic Orchestra, The Polytech Male Choir, Leif Segerstam (Dirigent)
( 2005, Ondine ODE 1040-2 , Einspielung: 2003, 2004 )

Auch die jüngste und letzte Folge von Segerstams Sibelius-Zyklus (beim finnischen Label Ondine) bestätigt das Bild eines durchaus charakteristischen, fülligen Klanges, der wenigstens vordergründig zu überzeugen vermag. Sieht man aber einmal von Tempofragen ab, so ist es die merklich nachregulierte Balance der Instrumente (Holzbläser!), die – wie in »Pohjolas Tochter« – beim Hören anhaltend irritiert und zu Lasten einer natürlichen Klangdramaturgie geht.

Trotz der wirklich satten Textur bleiben die Sforzati zu Beginn von »Finlandia« (dankbarerweise einmal in der Urfassung, also mit hymnischem Männerchor am Ende) merkwürdig stumpf. Segerstams Interpretationen sind gleichwohl über alle Zweifel erhaben – selbst die abgrundtiefe 4. Sinfonie kann in diesem welligen Fahrwasser noch überzeugen. (mku)

Jean Sibelius: Jean Sibelius: Pohjolas Tochter op. 49, Sinfonie Nr. 4 op. 63, Finlandia op. 26

 

Jean Sibelius: Symphonie Nr. 2 D-Dur op. 43
Königliches Concertgebouw Orchester, Mariss Jansons (Leitung)
( 2005, RCO 05005 , Einspielung: 2005 )

Die Katalog-Konkurrenz ist groß geworden. Dass nun auch das Concertgebouw Orchester eine aktuelle Einspielung der 2. Sinfonie von Sibelius vorlegt, ist daher wohl vor allem dem Marketing des eigenen CD-Labels geschuldet – wie auch das Etikett »Live«, denn die vier Aufnahmetermine lagen um Monate auseinander. Davon abgesehen zeichnet Jansons die Partitur eher pastos und kompakt als klar.

Dies wird schon in den ersten Takten deutlich, doch auch im weiteren Verlauf schweben die Konturen – entsprechend bleibt die für Sibelius so charakteristische Schwelldynamik ohne Schärfe. Die vielschichtige Partitur und der durchwegs warm vibrierende Orchesterklang finden erst im Finale zusammen. Unverständlich ist allerdings, warum man kein anderes Werk gekoppelt hat: Mit 44 Minuten ist die Spielzeit einer SACD gerade einmal zu 50% ausgeschöpft. Käuferfreundlich ist das nicht. (mku)

Jean Sibelius: Jean Sibelius: Symphonie Nr. 2 D-Dur op. 43

 

Jean Sibelius: Orchesterwerke
Folkwang Kammerorchester Essen / TaploTuomela (Ltg), Pekka Kauppinen (Violine)
( 2004, Aulos Musikado AUL 66084 )

Einen Pluspunkt gibt es für diese Aufnahme schon mal deshalb, weil es sich die Macher verkneifen konnten, die unvermeidliche »Finlandia« mit aufzunehmen – das erste und oft wohl auch einzige Stück, das Befragten zum Namen Sibelius einfällt. Ganz zu Unrecht, wie dieses Album zeigt. Es versammelt kurze Charakterstücke, die ganz und gar unpathetisch daherkommen, wie auch breit angelegte Romantik-Vorzeigewerke wie das d-moll-Adagio für Streicher.

Nun hat sich das Folkwang Kammerorchester zwar bei Dirigent und Solist zwei Finnen an Bord geholt. Doch auch die schaffen es nicht so ganz, den oft arg gediegenen und gemütlichen Ton des Orchesters nordisch anzuschleifen und aufzufrischen. Dann klingt Sibelius immer wieder verdächtig nach einem Abo-Konzert-Bruckner oder gar nach Schumann. Den tänzerischen Stücken fehlt der letzte Rest Wildheit, den breit romantischen die dunkle, verstörende Tiefe, die in Sibelius’ Werken fast immer unter der Oberfläche schimmert. Schade – denn in allen anderen Punkten (na gut, abgesehen von manchmal sehr bedächtigen Tempi) wird der edle Folkwang-Klang seinem Ruf gerecht. (sep)

Jean Sibelius: Jean Sibelius: Orchesterwerke

 

Jean Sibelius: Symphonien, Violinkonzerte, Tondichtungen, u.a.
Finnisches Radiosymphonieorchester, Jukka-Pekka Saraste (Leitung)
( 7 CDs, 2002, Finlandia /EastWest 0927-46661-2 bis 7-2 )

Das musikalische Werk, das uns Finnlands finnischster Komponist hinterlassen hat, ist mehr als stattlich. Es umfasst neben sieben Symphonien eine Fülle von Orchester- und Kammermusik und auch Vokalkompositionen. Der gesamte Symphonienzyklus ist nun anläßlich des 45. Todestags von Jean Sibelius auf einer 7 CD-Edition erschienen, ergänzt durch sein berühmtes Violin-Konzert, die Karelia-Suite, Tapiola und neben vielen weiteren Stücken natürlich auch die inoffizielle Nationalhymne Finlandia.

Jukka-Pekka Saraste hat alle sieben Symphonien mit dem Finnischen Radiosinfonieorchester 1995 im Philharmonischen Konzertsaal in St. Petersburg live eingespielt - einem historischen Ort, wo bereits Jean Sibelius selbst am Dirigentenpult stand. Auch wenn die Zahl der Sibelius-Aufnahmen allmählich ins Astronomische klettert, sollte Sarastes Sibelius einen festen Stammplatz darin haben. (mls)

Jean Sibelius: Jean Sibelius: Symphonien, Violinkonzerte, Tondichtungen, u.a.

 

Jean Sibelius: Sinfonie Nr. 2 D-Dur op. 43, Sinfonie Nr. 4 a-Moll
City of Birmingham Symphony Orchestra, Sakari Oramo
( 2001, Erato 8573-85776-2 , Einspielung: 2000 )

Obwohl der Katalog vielfach vertreten, muss doch überraschen, mit welcher Regelmäßigkeit immer wieder Neuaufnahmen der Sibelius-Sinfonien erscheinen. Dass noch immer neue Perspektiven möglich sind, beweist Sakri Oramo. Er gehört zu jener Gruppe finnischer (Jung-)Dirigenten, die in den letzten Jahren von sich Reden machten. Ursprünglich Konzertmeister, tauschte er vor ein paar Jahren die Violine gegen den Taktstock ein; seit 1998 ist er Chefdirigent des City of Birmingham Symphony Orchestra.

Oramo kennt und denkt seinen Sibelius von der Seite des Musikers, das ist der Einspielung in jedem Moment anzumerken. So verzichtet er offenbar auf einen nachbearbeiteten, künstlichen Ensembleklang und gewinnt damit den Partituren der beiden Sinfonien ein unerhörtes Maß an Ausgewogenheit ab. Sibelius' mitunter irritierende Instrumentation erscheint bei Oramo in jedem Takt sinnfällig.

Die mit präziser Phrasierung und punktgenauer weiträumiger Dynamik verbundene Detailtreue kommt besonders der fragilen 4. Sinfonie zu Gute, die auf diese Weise gar nicht mehr so schicksalsschwanger klingt. Ohnehin erweist sich die Koppelung mit der vergleichsweise gelösten Nr. 2 als höchst instruktiv. (mku)

Jean Sibelius: Jean Sibelius: Sinfonie Nr. 2 D-Dur op. 43, Sinfonie Nr. 4 a-Moll

 

Jean Sibelius: En Saga op. 9, Lemminkäinen Legends op. 22
Swedish Radio Symphony Orchestra, Mikko Franck (Dirigent)
( 2000, Ondine ODE953-2 )

Für mich fraglos eine der CDs, die mit auf die Insel gehören – ich möchte jedenfalls nie auf sie verzichten wollen. Denn hier stimmt einfach alles. Zunächst das Repertoire: Die vier Teile umfassende Lemminkäinen Suite (mit einer Stunde Spielzeit fast eine ausgewachsene Sinfonie!) gehören mit zum Schönsten, was Sibelius je geschrieben hat. Den Schwan von Tuonela dürfte man gemeinhin vom Hören kennen; er zählt zu den Evergreens der Klassik-Charts. Aber auch die anderen Sätze müssen sich nicht verstecken. Ganz im Gegenteil, denn ihre kunstvoll ausgearbeiteten archaischen Melodien und Rhythmen lassen vor dem inneren Auge Geschichten und Landschaften entstehen ...

Dann die Interpretation: Was Mikko Franck da 1999 im holden Alter von gerade einmal 20 (!) Jahren mit dem Schwedischen Radio-Sinfonieorchester auf die Scheibe gebannt hat, ist schlichtweg einer jener raren Momente, in denen einfach alles zusammenpasst. Sicherlich hat dazu auch seine jugendliche Unbeschwertheit beigetragen. Man spürt geradezu ein vor Begeisterung glühendes Feuer, das auch die Musiker im Orchester angespornt hat.
Schließlich der Klang: Einfach großartig, was die Techniker geleistet haben. Zu hören ist ein großes, natürliches Farbspektrum, und auch die Dynamik wird in allen Bereichen bestens ausgelotet. (mku)

Jean Sibelius: Jean Sibelius: En Saga op. 9, Lemminkäinen Legends op. 22

 

Jean Sibelius: Karelia Suite op. 11, King Christian II op. 27, Pelléas et Mélisande op. 46
Anna-Lisa Jacobsson (Mezzo), Raimo Laukka (Bariton), Lathi Symphony Orchestra, Osmo Vänskä (Dirigent)
( 1999, BIS BIS CD-918 , Einspielung: 1997/98 )

Für diejenigen, die schon alles von Sibelius im Plattenschrank stehen haben, mag diese CD ein richtiges Sammlerstück sein. Denn mit der 43. (!) Folge der ambitionierten Sibelius-Edition werden zwei Schauspielmusiken als »first complete recording using original scoring« vorgestellt. Die Unterschiede zu den bereits vor Jahren von Neeme Järvi ebenfalls für BIS eingespielten Suiten sind allerdings (mit Ausnahme der instrumental bearbeiteten Lieder) gar nicht so gravierend, wie man zuerst vermutet. Im Fall von »Kung Kristian II« (1898) kommen neben geringfügigen Fassungsvarianten zwei knappe Sätze hinzu, bei »Pelléas och Mélisande« (1905) ist es ein dreiminütiges Stück, das in der gedruckten Ausgabe fehlt.

Immerhin wird in der beliebten »Karelia-Suite« diesmal die Ballade gesungen. (Die komplette Musik liegt in gleicher Besetzung als Folge 42 der Edition vor.) Auch wenn man den editorischen Wert dieser Veröffentlichung anzweifeln kann (die CD entspringt der Eigendynamik einer »Gesamteinspielung«), so tut dies der überzeugenden Leistung von Osmo Vänskä und dem Lathi Symphony Orchestra keinen Abbruch. Den besonders am unteren Ende der dynamischen Skala fein ausgehörten Abstufungen wurde die Tontechnik allerdings mit einem indifferenten und in Watte gelegten Klangbild nicht gerecht. (mku)

Jean Sibelius: Jean Sibelius: Karelia Suite op. 11, King Christian II op. 27, Pelléas et Mélisande op. 46

 

Jean Sibelius. Symphony No. 2 op. 43, The Tempest: Suite No. 1 op. 109/2
Iceland Symphony Orchestra, Petri Sakari (Dirigent)
( 1999, Naxos 8.554266 , Einspielung: 1997 )

Dass sich nach Jahren des Glücksspiels bei Naxos nun ein Qualitätsstandard etabliert hat, darf positiv vermerkt werden. Zu dieser Entwicklung gehört auch diese Sibelius-CD, bei der man mit dem Isländischen Sinfonieorchester einen aufstrebenden und in letzter Zeit viel gefragten Klangkörper verpflichtete. Auch wenn man sich bisweilen mehr klangliche Transparenz vorstellen könnte, so hinterlässt die Interpretation der gar nicht so dunklen 2. Sinfonie mit ihren flüssigen Tempi und weiten Bögen einen abgerundeten Eindruck.

Auch die knappen Stücke der Sturm-Suite überzeugen, obwohl der letzte Biss fehlt. Nur das Booklet bedient von Anfang an das nordische Klischee vom Komponisten, dessen Kraft angeblich »aus den unendlichen Wäldern und aschfahlen Sommernächten erwuchs ...« (mku)

Jean Sibelius: Jean Sibelius. Symphony No. 2 op. 43, The Tempest: Suite No. 1 op. 109/2

 

Jean Sibelius: The Tempest op. 109 Suites 1 & 2, The Oceanides op. 73, Nightride And Sunrise op. 55
Helsinki Philharmonic Orchestra, Leif Segerstam (Dirigent)
( 1998, Ondine ODE 914-2 , Einspielung: 1997/98 )

Es muss ein Rätsel bleiben, warum die Aufnahmetechnik den gut disponierten und von Leif Segerstam zu einer engagierten Umsetzung motivierten Klangkörper im Nebel stehen lässt. So aber kann man die Absicht, Sibelius' faszinierende Bühnenmusik zu Shakespeares »Sturm« als sinfonisches Epos und dennoch strukturell durchhörbar umzusetzen, stellenweise nur mehr erahnen: Extreme der Dynamik werden gekappt, berückende Stimmungsbilder (»Berceuse«) überreich mit Watte versehen.

Besonders das dumpfe, basslastige Klangspektrum wirkt sich nicht vorteilhaft auf die Komposition des finnischen Meisters aus, die ohnehin schon in dunklere Regionen tendiert. Mehr Präsenz wäre nötig gewesen, um Segerstams Intention zu entsprechen. (mku)

Jean Sibelius: Jean Sibelius: The Tempest op. 109 Suites 1 & 2, The Oceanides op. 73, Nightride And Sunrise op. 55

 

Jean Sibelius: Symphonies Nos. 2 & 7
Orquesta Filarmónica de Gran Canaria, Arian Leaper (Dirigent)
( 1998, Arte Nova 74321.59231.2 , Einspielung: 1997 )

Man gewinnt den Eindruck, Sibelius' Sinfonien werden von Adrian Leaper und seinem Orquesta Filarmónica de Gran Canaria geradezu aus dem Schatten der so oft beschworenen dunklen finnischen Wälder geführt. Denn mit einem fast sachlichen Tonfall, durchweg leicht angezogenen Tempi (hier ein Heilmittel!) sowie einer auf Präsenz und Durchhörbarkeit angelegten Klangregie wirken die komprimierten Partituren auf faszinierende Weise von ihrer (be)drückenden Last befreit.

Diesem Ansatz entspricht die Aufnahmetechnik in der dicht gewirkten 7. Sinfonie kongenial, so dass die Einspielung eine echte Alternative zu tradierten Hörgewohnheiten bietet. Nur der viel zu knapp gefasste, sich sprachlich unangemessen ambitioniert gebende Einführungstext vermag das Niveau der Produktion nicht zu halten. (mku)

Jean Sibelius: Jean Sibelius: Symphonies Nos. 2 & 7

 

Jean Sibelius: Violinkonzert d-Moll op. 47; Wilhelm Stenhammar: Two Sentimental Romances op. 28; Fartein Valen: Violinkonzert
Arve Tellefsen (Violine), Royal Philharmonic Orchestra, Paavo Berglund (Dirigent), Trondheim Symphony Orchestra, Ole Kristian Ruud (Dirigent)
( 1998, Simax PSC 1173 , Einspielung: 1994,1995 )

In Norwegen ist er eine Ikone des Violinspiels, außerhalb seiner Heimat zählt Arve Tellefsen (*1936) allerdings zu jenen Musikern, denen man eher auf CD als im Konzertsaal begegnet. Leider. Denn Tellefsen, der in den vergangenen Jahrzehnten in seiner Heimat mit allen erdenklichen Preisen ausgezeichnet wurde, ist auf der Violine ein Poet alter Schule. Kühle Strenge im Ton und ein in das Innere der Musik gerichteter Blick zeichnen sein Spiel aus. Technische Brillanz ist für ihn selbstverständlich – sie muss nicht als äußere Virtuosität in den Vordergrund gerückt werden. Auch effekthascherische Mätzchen sind ihm fremd. Vielleicht blieb deshalb auch bis heute der ganz große internationale Durchbruch aus.

Doch zählt er wirklich zu den ersten Geigern unserer Zeit. Dokumentiert ist dies durch eine ganze Reihe phantastischer CD-Einspielungen. Zu ihnen zählt auch die des Violinkonzerts von Sibelius – ein Werk mit höchsten Anforderungen. Mit dem vorzüglichen Royal Philharmonic Orchestra ist hier eine Aufnahme gelungen (übrigens im legendären Abbey Road Studio 1), die man als diskographische Sternstunde bezeichnen muss. Dem stehen die beiden versonnen-idyllischen Romanzen von Stenhammar in nichts nach. Ein Geheimtipp bleibt das Violinkonzert von Fartein Valen – so etwas wie eine nordische Variante des berühmten Werks von Alban Berg. (mku)

Jean Sibelius: Jean Sibelius: Violinkonzert d-Moll op. 47; Wilhelm Stenhammar: Two Sentimental Romances op. 28; Fartein Valen: Violinkonzert



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