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![]() Ein Interview des Jazzecho Gibt man den Begriff »Supersilent« in eine Internet-Suchmaschine ein, so wirft diese die Namen von Staubsaugerfirmen, PC-Laufwerken und Klimaanlagen aus. Mittendrin taucht dann auch eine norwegische Band auf, die experimentelle Musik macht.
Dezembermusik Ganz schön kalt nicht? (Das Thermometer zeigte Minus 8 Grad)
Wieso? Die Wahrheit ist, dass mir dieses kalte Winterwetter, das wir gerade haben, Euer Album »SUPERSILENT 6« irgendwie näher gebracht hat. Es passte gut damit zusammen. Ist Supersilent Musik aus der Kälte? Das ist schwer zu sagen. Wenn du aus Norwegen kommst, denkst du nicht soviel über das kalte Wetter nach, die Natur fällt einem nicht so auf wie jemandem, der von außen kommt. Aber »SUPERSILENT 6« wurde im Winter aufgenommen, genau vor einem Jahr im Dezember. Erzähl doch mal ein bisschen vom Aufnahmeprozess ... Wie immer ist es komplett improvisierte Musik. Wir haben keine Overdubs gemacht, sondern lediglich Passagen aus den aufgenommen Tonbändern ausgesucht und herausgeschnitten. Wir haben für jeden Song eine Tonbandrolle von einer halben Stunde bespielt. Wenn wir im Studio sind, versuchen wir eine Atmosphäre zu schaffen, als wären wir nicht im Studio, als wäre es ein Konzert oder eine Probe, wo wir einfach nur spielen. Dieses Mal sind wir nach Holden gefahren das ist ein kleiner Ort, anderthalb Stunden von Oslo entfernt in ein Studio mit einem wunderschönen großen Aufnahmeraum, wo wir schon unser erstes Album aufgenommen hatten. Wir haben dort ein PA-System aufgebaut, als würden wir ein Konzert geben, und analog zehn Stücke aufgenommen. Da muss am Anfang eine große Stille herrschen, da ihr kein vorher komponiertes Konstrukt habt. Wie zündet eine Aufnahme? Irgendwann fängt irgendwer an zu spielen, irgendein Sound erklingt und dann geht es von da aus los. Manchmal hören wir auch später Bänder, die uns nicht so sehr vom Hocker reißen. Wir müssen schon das Gefühl haben, dass es wirklich und echt gut ist, was wir aufgenommen haben, um ein Stück zu übernehmen. Das entscheiden wir aus dem Bauch heraus. Eure Musik besteht aus freier Improvisation und Klangmanipulationen ... Ja, wir benutzen Sound in verschiedem Kontext. Bei Supersilent bin ich wohl derjenige, der am meisten an elektronischen Sounds herumtüftelt, aber auch der andere Keyboardspieler und der Trompeter lieben es, mit Klängen zu experimentieren. Es gibt viele verschiedene Soundschichten in unseren Stücken. Was sicherlich über die freie Form der Improvisation hinaus viele neue Möglichkeiten schafft, Musik in verschiedene Richtungen zu bringen, indem ihr die eigentlichen Instrumente von sich selbst befreit ... Genau, es kann alles mögliche passieren.
Aber ist es nicht so, dass ihr bestimmte Maßstäbe oder Regeln anlegt, indem ihr beispielsweise keine Overdubs und Zusammenschnitte macht? Das sind an sich keine Regeln, wir haben einfach nur bis jetzt so gearbeitet. Wir machen, was wir richtig und nötig finden. Es ist spannend, in ein Studio zu gehen und aus einer bestimmten Situation etwas zu machen, da eine Frische, eine Einzigartigartigkeit hineinzubringen. Ihr habt in vielen Stücken verschiedene Klangschichten aus weichen Klangfarben, durch die plötzlich ziemlich harte Sounds quasi hindurchschneiden. Mich hat das teilweise sogar an moderne Kunst erinnert, wo manchmal ebenso gearbeitet wird. Ein roter Klecks mitten auf einem pastellfarbenen Hintergrund... Wir mögen diesen Ansatz sehr und achten darauf, dass es diese Kontraste gibt, diese Abgründe. Es drängt sich oft geradezu auf, die bestehenden Klangteppiche zu durchschneiden; das ist ein Element, das unsere Musik vorantreibt. Es wäre natürlich einfach, in eine schöne, nette Klangumgebung einzutauchen und dort zu bleiben, aber wenn jemand es drauf ankommen lässt und es durchschneidet, mit etwas völlig anderem, ist jeder in der Band plötzlich herausgefordert, damit umzugehen. Es muss dann irgendwohin weitergehen. Klingt nach Schocktherapie ... ... auf musikalischer Basis. Vielleicht auch Überraschungstherapie; es passieren so viele unvorhergesehene Dinge auf unseren Konzerten oder wenn wir im Studio sind. Man muss sehr, sehr aufmerksam sein, um darauf reagieren zu können. Ihr probt nie. Trefft ihr euch überhaupt mal privat? Seid ihr Freunde? Wir sind sehr gute Freunde, aber wir treffen uns selten; wir wohnen teilweise ziemlich weit auseinander. Wir treffen uns tatsächlich so gut wie nur, wenn wir ein Konzert geben oder aufnehmen. Eigentlich ist das die perfekte Art, eine Band zu erhalten: Es gibt nie Streit (lacht), nur Musik. Auf der anderen Seite ist so etwas bestimmt sehr selten; wir haben Glück. Supersilent hat natürlich auch eine Vorgeschichte, die das Ganze ermöglicht. Wir haben Supersilent 1997 gegründet und vorher hatten Jarle Vespestad, Ståle Storløkken und Arve Henriksen bereits intensiv zusammengespielt, über zehn Jahre lang, zuletzt mit ihrem Trio Veslefrekk. Ich selbst mache das, was ich mache, auch schon einige Zeit lang, und nur deswegen funktioniert Supersilent in dieser Form. Die Frucht vieler Jahre Arbeit. Es gibt ein hohes Level an Intuition bei Supersilent, getreu der Definition von Improvisation als »Instant Composition«. Deswegen haben wir es bis jetzt auch nicht für nötig gehalten, Overdubs zu machen.
Man kennt Dich wahrscheinlich mehr über deine Arbeit mit der norwegischen Independent-Rockband Motorpsycho... Ich habe vor zehn Jahren angefangen mit ihnen zu spielen. Einige Jahre lang war ich sogar reguläres Bandmitglied, aber Motorpsycho ist eine sehr hart arbeitende Band, so dass ich irgendwann keine Zeit mehr für etwas anderes hatte und ausstieg, weil mich auch noch Dinge interessieren, etwa Produzieren und Aufnahmetechnik. Ich produziere nach wie vor Motorpsychos Platten.
Motorpsycho ist stilistisch natürlich eine andere Baustelle als Supersilent ... Klar, es war aber so, dass sie zu mir kamen, weil sie aus dem üblichen Rocktrio-Format ausbrechen, es erweitern wollten. Dein Pseudonym ist Deathprod und du bezeichnest dich als »Audio-Virus«, was mir ziemlich zu denken gegeben hat. Ein Virus ist doch eigentlich etwas, das einen Organismus, ein System zum Kollaps führt. Diese ganzen Namen und Termini sollte man nicht zu ernst nehmen. Ich finde es generell eher schwer, meine Arbeit zu beschreiben. Ich habe einfach unglaubliche Mengen an elektronischem Equipment manches ist selbst gebaut, manches im Handel erhältlich , das ich irgendwie chaotisch anwende. Chaos ist auf jeden Fall eine Methode in meiner Arbeit. Könntest du dein Equipment beschreiben? Ich habe immer viel mit Samplern gearbeitet, die sind mein Hauptinstrumentarium, aber ich benutze neben viel selbstgebautem Zeug auch eine Menge von alten analogen Synthesizern. Diese ganzen elektronischen Sounds aus den 20er und 30er Jahren faszinieren mich, der Theremin, das Trautonium, das Ondes Wartenont. Die Pioniere der elektronischen Musik hatten einmalige inspirierende Herangehensweisen. Ihre Sounds klangen organisch und lebendig. Von den heutigen Synthesizern mag ich am meisten den Waldorf XT, mit dem du sehr bizarres Zeug machen kannst. Die Presets sind einfach grauenhaft, kalte Techno-Sounds, Müll, aber du arbeitest fünf Minuten mit dem Ding und bekommst fantastische organische Sounds. Dann gibt's noch einen schwedischen Synth namens SitStation, der eigentlich ziemlich krank ist, weil der irgendwie komisch um den Soundchip vom Commodore 64-Computer herum gebaut wurde...ich könnte weiter erzählen... nach neuen Sounds zu suchen, ist meine Lebensaufgabe. Ich finde, es gibt bei Supersilent einen großen Kontrast zwischen einerseits sehr experimenteller Musik und andererseits einem sehr funktionalen Packaging. Euer Name stammt vom Logo eines Lastwagens, euer Logo ist ein Barcode-Zeichen ...
Es ist immer der Barcode vom jeweiligen Album. Total funktional also. Eure Album- und Songtitel sind auch nur durchnummeriert. Habt ihr kein, sagen wir, Sendungsbewusstsein? Nein. Die Musik von Supersilent stammt von vier verschiedenen Personen. Die Bilder, die ich mit der Musik verbinde, sind lediglich meine eigenen, reflektieren dementsprechend gar nicht die meiner Mitmusiker. Da macht es keinen Sinn, die Musik zu betiteln, wir möchten unseren Hörern den Freiraum geben, die eigene Phantasie schweifen zu lassen. Wenn man Musik unter einer bestimmten Überschrift hört, wird die eigene Vorstellungskraft in die Bilder dieses Titels gelenkt. Stell dir vor, wir betiteln ein Stück »Nagasaki Nightmare« oder so. Das würde den Hörer von sich selbst weg führen. Und wir als Supersilent sind Kollektiv ganz unterschiedlicher Charaktere, wir hören sehr unterschiedliche Musik. Wenn ich Platten von Popul Vuh habe oder von den Residents oder Godspeed You Black Emperor!, dann sagt das jemand anderem in Supersilent vielleicht gar nichts. Ich habe gar keine Ahnung, was die anderen so hören, ich habe sie nie gefragt. Das finde ich unglaublich. Ist doch gar nicht relevant, was jemand für Musik hört, wir sind einfach sehr verschieden, auch in unserem Lebensstil. Das fließt alles in die Band ein und dann wird es zu komplex, um es zu benennen. Auch wenn es Supersilent reduziert, könntest du zu seiner Beschreibung die folgenden Koordinaten gutheißen: Tangerine Dream, Miles Davis, Sonic Youth, Stockhausen? Jeder hat seine eigenen Referenzpunkte, aber in dieser Mischung kann ich Supersilent schon wieder erkennen. Was habt ihr für ein Publikum? Sehr unterschiedlich. Mehr junge Leute... junge Leute suchen mehr nach Neuem, nach neuer Musik. ... Welche Situation wäre deiner Meinung nach perfekt, um Eure neue Platte zu hören? Das ist genauso ein Thema wie die Songtitel, wer weiß ... zum Abwaschen? Immerhin könnte ich mir Supersilent nicht als Muzak im Supermarkt vorstellen. OK, darauf können wir uns einigen. Die meisten werden auf einem Stuhl sitzen und richtig zuhören.
© 2004 Jazzecho
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