|
|
||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
![]() ![]() |
![]() Ein Interview von Nathalie Martin In Finnland sind sie als »Tehosekoitin« Mega-Stars, spielen fast jedes Festival und mehrere Club Gigs jährlich. Texter Otto sieht das etwas lakonischer:
»Gib mir ein Bier ...«
In Finnland seid ihr seit über einem Jahrzehnt als »Tehosekoitin« bekannt und singt dort finnisch. »Auf dem Kontinent« tourt ihr als Screaming Stukas und singt englisch. Singt ihr hier englisch, um erfolgreicher zu sein? Mir ist es egal ob wir finnisch oder englisch singen und was mehr Erfolg hat. Aus zwei Gründen: Was für ein Gefühl ist es jetzt, total unbekannt zu sein und vor so wenigen Leuten zu spielen? Alles ist besser als daheim zu bleiben. Ich habe keine Probleme mit kleinen Clubs, ich mag das! Und ich bin froh, wenn nach dem Konzert hier nur einer kommt und sagt, dass es ihm gefallen hat: Der meint es ehrlich, den hier kennt uns ja keiner.
Auf der UK-Tour war unser Ziel, in London richtig Spaß zu haben. Ich war schon glücklich, wenn wir bei jedem Gig 50 Leute angezogen haben. In England haben wir nur in kleinen Clubs gespielt. Bei einem Konzert waren nur sechs Leute - und vier davon waren Finnen (lacht). Nervös? Ich dachte immer, ich hätte aufgehört nervös zu sein. Aber als ich in London gespielt habe war, ich total nervös - und alles ist schief gegangen. Nur Kleinigkeiten - Schuhe gehen auf, usw. - aber das machte mich noch nervöser. In Helsinki ist das ganz anders, da kennen wir die Clubs und das Equipment. Du ziehst einfach ein T-Shirt an, schnappst deine Gitarre - und los geht's. Bevorzugst du englische oder finnische Texte? Englische Texte sind einfacher für Otto als die finnischen, denke ich. Auf finnisch drückt er sich immer so poetisch aus, im englischen kann er's nicht ... so sind sie besser. (lacht) Auf finnisch würde er nicht sagen »gib mir ein Bier«, sondern »reiche mir das goldene Getränk, welches ... blablabla« (lacht)
Auf unserem Album »LOTTA RHYTHM« sind fast alles englische Varianten der finnischen Lieder. »Action« dagegen haben wir extra für die CD aufgenommen: Es ist vergleichbar, mit einem Buch, das in verschiedenen Ländern veröffentlicht wird. (Schmunzelnd:) In Großbritannien haben wir mal zwei finnische Lieder gespielt - die Leute haben gelacht. Gibt es keine Probleme und Überschneidungen mit Tehosekoitin versus Screaming Stukas? Doch gerade jetzt: Um heute hier, in Deutschland, spielen zu können, haben wir Ankkarock (bei Helsinki) gecancelt. Wie würdest du eure Musik in wenigen Worten beschreiben? Unsere Musik? Verdammt schnell und aggressiv. »A Lotta Rhythm« eben. Warum dieser Bandname? »Stuka« ist ein deutsches Flugzeug, das mit seinen Sirenen wirklich üblen Krach macht, wenn es kommt - und das du von sehr weit weg hörst ... wie uns. Von den (frühen) Anfängen bis zur Zukunftsmusik
Von wo kennt ihr euch eigentlich und wie lange spielt ihr schon zusammen? Hanski und ich kannten uns schon von der Schule. Der Rest der Band lernte sich kennen, wie man sich in dem Alter eben kennenlernt: Jugendzentren, Parties, usw. Uns gibt es seit 1991, fast in Originalbesetzung. Damals spielte ich noch Schlagzeug und Arska Gitarre. Arska hat aber bald (das Label) Levy Yhtiö gegründet, und beides parallel wurde zu stressig. Also wurde ich Gitarrist und Tero unser Schlagzeuger. Seit wann seid ihr zu fünft?
Juha, unser Keyboarder, ist seit März 2003 dabei. Wir probieren ihn gerade auf der Tour aus, die uns durch Finnland, England und Deutschland führt. Wieso habt ihr so oft Bläser auf euren Alben? Weil wir Songs für Bläser schreiben können. (lacht) Im Gegensatz zu Punkbands, die können es nicht - und haben vielleicht nur deswegen keine. 1999 hatten wir übrigens auf unserer Tour auch Bläser dabei. Welche Musik beeinflusste(e) dich? Rock'n Roll? (Lacht) Also seit mindestens zwei Jahren habe ich überhaupt keinen Rock'n Roll gehört. Ich höre alles mögliche, House, Jazz, Electro ... Rock'n Roll machen wir selber ... Wie steht es mit eurer Popularität und dem daraus resultierenden Verfolgungswahn in Finnland?
Ich vermeide »Teenager-Gebiete«. Ich mag keine größeren Teenie-Ansammlungen, wie Schulen. Aber wenn ich nur mal shoppen gehe: kein Problem. Belästigt werden wir eigentlich nicht. Aber über uns sind immer die wildesten Gerüchte im Umlauf: Der hat ein Kind, der schlägt Frauen, usw. ... Es ist schmeichelhaft, wenn jemand soviel Anstrengungen unternimmt, sich mit uns zu beschäftigen. Störend ist eher, wenn die Leute betrunken sind, zu dir kommen und sagen: »Ich kenne dich«. Sie meinen, sie wissen wer du bist, bloß weil sie dich irgendwo gesehen haben, und sie haben eine vorgefasste Meinung über dich. Es ist schwierig Leute »einfach« kennenzulernen. Ist das Tourleben anstrengend? Eigentlich nicht. Das einzige Problem ist vielleicht der Mangel an Privatleben auf Tour ... (denkt nach) ... und manchmal will ich nicht reden. Wir Finnen beobachten lieber und hören zu. Eure Zukunftspläne? Nach der Tour machen wir erst mal ein bisschen Ferien, eventuell schreiben wir dann ein paar neue Songs - und vielleicht gibt es im nächsten Frühjahr ein neues Album.
Seit über zehn Jahren beweisen die Finnen-Rocker aka Tehosekoitin, dass das abgeschiedenste Land Europas - von Island mal abgesehen - in Sachen Rock'n'Roll immer up to date ist. In ihrer Heimat stellen die vielseitigen »Powermischer« (teho = Wirkung, Intensität, Leistung, sekoitin = Mischer/Mixer) schon längst eine feste Größe in der Rockmusik-Szene dar. Auch optisch sind die Jungs allemal einen Blick wert ...
1991 in Lahti gegründet, spielte die Combo um Urbesetzung Otto (Gesang), Matti (Schlagzeug), Hanski (Bass) und Arska (Gitarre) zunächst eine Art (Glam-)Punk, entwickelte sich dann aber mehr in Richtung 70er Jahre-Rock. Zwar bildet Rock'n'Roll den Hauptbestandteil der unwiderstehlichen Mischung, doch machen erst die Zutaten Blues, Jazz, Tango, Rock und Punk die Band so einmalig unverwechselbar. Das Intro des Albums »Freak Out« hat sogar Filmmusik-Charakter. Bandübergreifend musizierten Tehosekoitin bereits mit Mitgliedern von Egotrippi, Hybrid Children oder Apulanta und zogen für ihre Alben diverse Gastmusiker heran (Saxophon, Klavier, Hammond-Orgel, Streicher, Bläser ). Die erste eigene EP »TEHOSEKOITIN GREATEST HITS» erschien 1992, zwei Jahre später eine Gemeinschaftsproduktion zusammen mit Apulanta. Der finnische Kultsender »Radiomafia« wurde schnell auf die Jungs aufmerksam, Tehosekoitin entern seither regelmäßig die Charts mit ihren Singles und Alben. Finnische Melancholie durchdringt immer wieder ihre Stücke, wenn auch nicht mehr ganz so offensichtlich wie auf dem Erstling zum Song »Luuseri« verkündet: »Luuseri ist der bedrückten Jugend Finnlands gewidmet. Wir sind keine Loser, sondern die Welt ist (so) scheiße.«
In erster Linie muss man die Finnen jedoch live sehen und erleben! Schon das Debütalbum »ROCK'N'ROLL« (1994) zog Club-Gigs und kleine Festivals nach sich. Inzwischen ist ein finnisches Festival ohne sie undenkbar - seien es die Kleinen wie Puustock (das finnische Woodstock), Sunset Beach oder die Großen wie Ankkarock und Ruisrock. Nach dem Debüt war es zweieinhalb Jahre still um die Mixer, bis 1997 der Nachfolger »KÖYHÄT SYNTISET« erschien. Seitdem produzieren die Finnen in schöner Regelmäßigkeit jedes Jahr ein Hit-Album. Dem Gitarristen Arska, der parallel das Label Levy Yhtiö gründete, wurde diese »Doppelbelastung« bald zuviel: Er betätigte sich zunächst als zweiter Gitarrist neben Ex-Drummer Matti (während Tero die Schießbude bediente), um anno 2001 (»RAKKAUDEN GANGSTERIT«) endgültig aus der Band auszusteigen.
Nach der sechsten Scheibe und einem Best Of-Doppel-Album kamen die Finnen zu dem Ergebnis, dass der Rest der Welt reif für sie ist: Mattis Songs und Ottos Texte erhielten ein englisches Deckmäntelchen (2002), Keyboarder Juha erweitert die Band (2003), und nun ziehen sie als »Screaming Stukas« aus, die Welt zu erobern.
© Nathalie Martin, exklusiv für Nordische Musik
|
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||