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![]() Eine Reportage von Nathalie Martin Ruisrock.
Tag Eins, Samstag: »Hei Homo!«
Was damals, anno 1970, mit einer Bühne begann, hat sich mittlerweile auf derer vier ausgedehnt. Neben dem Klassiker, der Rantalava (Strandbühne), gibt es die Puisto(=Park)lava, die »Niitty« von Ylex & Radio X3M und den Paviljonki. Direkten Zugang zum Meer gibt's zwar immer noch, doch bei diesem Wetter erfüllt die Sonnencreme nur einen Zweck: Der Regen läuft leichter ab. Nach einer kurzen Orientierungsphase steuern wir Richtung Viikate. Die wunderbaren, melancholischen Weisen verleiten allerdings eher zum Hinsetzen als zum Headbangen. Da mehrere Bands gleichzeitig spielen, verfehlen wir Irina und Wojciech, stehen dafür vor Diablo. Ziemlich derber, finnischer Metal, der nicht wirklich aus der Masse heraus sticht. Ganz anders dagegen der Festivalveteran Timo Rautiainen mit seinem Trio Genickschuss. Gewohnt genial rocken die Ethnometaller und sogar die Natur hat ein Einsehen: Der Regen hört auf, die Masse dreht den Kopf nach oben, brüllt »Aurinko!« (=Sonne) und reißt sich die (Regen)Klamotten vom Leib. Die harten Jungs von Kotiteollisuus spielen ebenfalls Metal, ähnlich dem Sound Ruoskas, zwei Backgroundsänger in Mönchskutten inklusive und sind einer gelegentlichen Showeinlage nicht ganz abgeneigt: Sänger/Gitarrist Jouni und Bassist Janne stehen sich grinsend gegenüber, knutschen sich ab und spielen ihr Solo dergestalt zu Ende. Nur wenige Sekunden später vereinigen sich zwei Jungs im Publikum direkt vor uns aus lauter Solidarität ebenfalls züngelnd. Jouni bringt diese Aktion backstage später die grinsende »Hei Homo!«-Begrüßung eines Musikerkollegen ein.
Zeitgleich pilgern andere zu Sweatmaster, Kemopetrol oder Scandinavian Musicgroup. Außer Peer Günt, die »Altherrenrocker« aus dem Jahre 1976, eine Band um einiges älter als viele Besucher, geben sich die Progrocker CMX andernorts die Ehre. Turbonegro: Rotwein und Peitsche
Doch dann laufen endlich die (heimlichen) Helden des Tages auf: Turbonegro. Und die Menge steht stramm: »I Got Erection«. Sänger Hank van Helvete erläutert dem Publikum von der Rantalava aus erst mal die nähere Umgebung: »Do you see these two castles over there? There are living vampires they are not drinking your blood, but your vaginal fluid!« Danke Hank für diese tiefschürfende Erkenntnis!
Und schon sind wir alle »Ready (For Some Darkness)«, lassen uns von der Band mit Federn oder roter Farbe überschütten die Peitsche schwingen die Norweger zum Glück nur verbal: »Whipe It Till It Bleeds« und genießen die verwunderten Blicke der vorbeifahrende Fährpassagiere. Frontmann Hank setzt dem Ganzen noch einen drauf: »I want everybody to be naked ... and rrrrrrun into the sea!« Im Gegensatz zu den vergangenen Jahren scheint das Volk heute weniger entblößungsfreudig, »Sell Your Body (To The Night)« gibt's nur on stage. Zum Finale »Le Saboteur« erscheint der Höllensohn mit um den Hals drapierter Knoblauchkette samt Rotwein, fragt nicht gerade akzentfrei »Barrläh wu frohsäää?«, bevor er den Wein großzügig über die erste Reihe vergießt. Und viel zu früh endet das genial inszenierte Rockspektakel. Oper, Gothic und Rotzrock
Die englischen Spacerock-Erfinder Hawkwind begannen als Musikerkommune 1969, nahmen eine denkwürdige »Gimme Shelter«-Version mit Samantha Fox(!) auf und stoppen mit ihrem Raumschiff in Turku.
Bodenständiger geht's dagegen bei ihren Landsmännern Motörhead zur Sache. Sänger Lemmy Kilmister übrigens 1975 von Hawkwind gefeuert stellt das Mikro auf die gewohnten zwei Meter Höhe ein, legt den Nacken zurück und rotzt los. Aber mächtig böse! Tapfer schwenkt ein Fan eine mit Motörhead-Shirt bekleidete Gummipuppe(!), während Lemmy den Nackenbrecher »Ace Of Spades« röchelt, über den Atlantik nach Brasilien grunzt (»Going To Brazil«) und im musikalischen »Overkill« gipfelt. Anderswo garagen-rocken die Detroiter The Von Bondies; vor der Parkbühne erstreckt sich inzwischen ein schwarzes Meer: Die Gothics fiebern den Headlinern dieser Plattform entgegen: The 69 Eyes. Als Drummer Jussi auftritt, brechen sie in ohrenbetäubendes Kreischen aus, da knüppelt er schon auf die Felle. Sänger Jyrki intoniert stilgerecht mit Sonnenbrille »Forever More«, widmet seinem Publikum »Gothic Girl« und verschwindet irgendwann mit seinen schwarzen Kollegen in der Nacht: »Wasting The Dawn«. Hundert Meter entfernt zieren Haartollen und andere Utensilien der 50er Jahre die Fans der amerikanischen Stray Cats: Die Rockabillies kehren nach zwölf Jahren Pause zurück, rocken und rollen, machen ihrem größten Hit »Rock This Town« alle Ehre. Michael Monroe, finnisches Flaggschiff und Hanoi Rocks-Mastermind turnt, fegt, rast derweil über die Haupttribüne »Back To Mistery City«, und auf dem letzten verbliebenen Schauplatz geben Martti Servo & Napander ihr Heimspiel.
Tag Zwei, Sonntag: Auf der Flucht ...
Für die ersten Acts wie Jose Gonzalez (Schweden), Moneybrother (Schweden), die einheimischen Manboy oder Soul Captain Band war es einfach zu früh. Mein zweiter Tag beginnt mit den Backyard Babies die gehen trotz der frühen Spielzeit gewaltig ab und schlagen kräftig die Werbetrommel für ihre Scheibe »STOCKHOLM SYNDROME«. Leider kann ich die Schweden nicht bis zum Ende genießen, da sich diverse sehenswerte Bands überlagern, Doctor Kimble auf der Flucht ist nichts dagegen ... Schnell zur nächsten Bühne gehetzt, zu Tehosekoitin. Die steigen gerade mit »Asfaltti Poltaa« ein, rasen durch ihre Hits während ich schon eine Arena weiter bin (die Babies spielen übrigens immer noch): Negative treten auf. Überraschenderweise klingen die jungen Finnen erstaunlich hart. Sänger Jonne scheint zwar Michael Monroes Altkleidercontainer geplündert zu haben, doch der ausgezeichnete Sound stammt von heute. Das Einzige, das meine Begleitung und ich an dem Auftritt nicht verstehen: Warum sich Jonne, (endlich ...) oben ohne, die Brustwarzen lang gezogen hat. Saß das Piercing falsch? Strategisch günstig zwischen zwei Bühnen postiert, drehen wir uns von Yö zu Neljä Ruusua und zurück zu den Flaming Sideburns, deren Sänger Jorge Eduardo Martinez mir wie eine »Mick Jagger-Light«-Ausgabe erscheint. Hinter unserem Rücken starten Egotrippi, vor uns legen Jean S. & Paula Koivuniemi los, die mit einem ordentlichen (Bläser)Aufgebot, mit Anzügen und Turnschuhen bekleidet, beliebte Gassenhauer auf finnisch covern. Blut, Herzschmerz, Feuerwerk
Schlagartig auf die Füße springt die Menge bei Apulanta. Mit einem »Tervetuloa Apulannan Kesäteatteriin« (=Willkommen zu Apulantas Sommertheater) des Moderators setzt die spektakuläre Bühnenshow ein: Gehilfen in blutbesudelten Kitteln schieben Särge auf die Bühne, deren Anzahl »zufällig« den Bandmitgliedern entspricht die Musiker entsteigen ihnen und ab geht die Post: »Mitä Kuuluu« und andere Superhits zelebrieren die Metal-Grunge-Punkrocker; gleichzeitig wanken Vampire, Frankenstein, ein verwirrter Irrer in Zwangsjacke, ein Kettensägen-Mann und andere Gestalten aus diversen Horrorfilmen der 50er über die Planken. Einstweilen stehen die ersten Headliner bereit, Eläkeläiset schunkeln in wilden Humppa-Rhythmen auf der Puistolava, Keyboard zertrümmern inbegriffen, die Crossovercombo Suburban Tribe rockt den Paviljonki. Rasmus' Lauri Ylönen als Dunkelkrähe getarnt, flattert auf Niitty, die Radiostage, und seufzt den Herzschmerz des »DEAD LETTER«-Albums ins Mikro. Bei »In The Shadows« drehen die Fans selbst in Finnland ab, von alten Zeiten der Band zeugen lediglich »Liquid« und »Heartbreaker«. Den Schlussakkord setzt die Don Johnson Big Band. Die mit nur vier Mitgliedern wohl kleinste Big Band der Welt durchbricht Genre-Grenzen, vermengt Hiphop mit Jazz, House, Dub, Country und sogar Swing. Ob den Zuschauern dieser Mix oder Gastsängerin Emma Salokoski besser gefällt? Das ist leider schon das Ende von RUISROCK 2004, Zeit fürs abschließende Feuerwerk. Kiitos!
Neben Hollands Pinkpop ist RUISROCK eines der ältesten Rockfestivals weltweit und das älteste der nordischen Länder. Bereits 1970 findet das erste Festival auf der idyllischen Insel Ruissalo statt, ungefähr sechs Kilometer vom Zentrum Turkus entfernt. Normalerweise organisiert die Stadt Turku einen (kostenpflichtigen) Bus-Shuttleverkehr vom Marktplatz zum Gelände und zurück oder vom Ruissalo Campingplatz; eine echte Alternative, da die Unterkünfte in den günstigen Ho(s)tels schnell ausgebucht sind: Das Line-Up 2004 zieht 43.000 Besucher an.
Gelegentlich schippern Riesenfähren an der Strandbühne vorbei was die Beastie Boys vor etlichen Jahren während ihres Auftritts zu dem Ausruf »What A Big Ship Man!« verleitete. Wie es der Name impliziert, stehen auf RUISROCK überwiegend Rock- und Metalbands auf der Bühne, außerdem etliche Pop und HipHop-Acts. Alle großen finnischen Bands, sowie etliche internationale Stars gaben dort bereits ihr Gastspiel. Sogar Nirvana rockten hier
Weitere nordische Künstler: ... und internationale: Darüber hinaus Weltstars wie:
© Nathalie Martin, exklusiv für Nordische Musik
Adresse: VANTAAN FESTIVAALIT OY Korsontie 12, 01450 Vantaa Tel. +358 9 872 4446 info@ruisrock.fi info@vantaanfestivaalit.fi |
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