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![]() Eine Reportage von Nathalie Martin Provinssirock eröffnet die finnische (Rock)Festivalsaison: Einheimische Helden und Weltstars rocken die diversen Bühnen des nur 30.000 Seelen zählenden Örtchens Seinäjoki im Landesinneren.
Tag 1, Freitag: »Mark, do you wanna marry me?«
Das Freitagsprogramm startet spät, erst um 19.15 Uhr, und bietet so genug Zeit für die Anreise: Die Besucher fallen aus dem ganzen Land ein, die meisten aus dem gut 350 km entfernten Helsinki. Als ich das Gelände um halb acht betrete, vernehme ich Klänge, die stark an die Poets Of The Fall erinnern. Es sind die Poeten die laut Internet-Zeitplan aber erst um 22.15 auftreten sollen. Kurzfristig haben sie mit den schwedischen Looptroop getauscht, um zu vermeiden, dass drei Hiphop-/Rapbands synchron auf den Brettern stehen. Kein Problem für die Band, sowie die rechtzeitig eingetroffenen Fans: Mark, Ollie, Captain und die zusätzlichen Livemusiker legen einen erfreulichen, hochmotivierten Auftritt hin das findet auch die begeisterte junge Dame im Publikum, die strahlend ihr rosa »Mark, do you wanna marry me«-Plakat in die Höhe reckt. Die zeitgleich auftretenden Monica's Lips, Monsp Records und Nicole verpasse ich. Wen wundert's: Eine winzige, vier große bis mittelgroße Bühnen plus diverse Sideshows bietet Provinssirock. Absolut unmöglich, alles zu sehen entweder entscheiden oder alles nur kurz streifen, so lautet die Devise. Zeitmäßig besser verteilt stehen die nachfolgenden, hierzulande ziemlich unbekannten Gruppen auf der Pää-/Saarilava, Zanzibar oder im Rytmi-/Nyt-Zelt oder kennen so viele Lauri Tähkä & Elonkerjuu, The Knob, Sister Flo? Einen höheren Bekanntheitsgrad, zumindest bei finnlandbegeisterten Metalheads, haben Kotiteollisuus, die seit Jahren in Suomi von Festival zu Festival touren. Jari, Janne, Jouni zelebrieren ihren charakteristischen Melancholie-Metal-Mix, mit hohem Anteil vom aktuellen »7«-Album für welches sie schnell noch eine goldene Schallplatte in die Hand gedrückt bekommen plus einer weiteren für »KUOLLEEN KUKAN NIMI«.
»In Finland, you have three possibilities …«
Absolut göttlich, diese Norweger! Zum einen rocken sie wie Sau, zum anderen hat der Fronter immer wieder höchst amüsante Ansagen auf Lager, wie: »In Finland, you have three possibilities. Die völlige Ekstase bricht aus, als die ersten Takte des gleichnamigen Songs losbrettern. Als kurz darauf Turbodollars vom Zelthimmel regnen, gibt es kein Halten mehr, die Menge tobt und frisst dem zunehmend in Leder beziehungsweise Fell gehüllten Sextett aus der Hand. Nach Kultsongs wie »Don't Say Motherfucker« oder »Selfdestructo Bust« brauchen die ehemaligen Denim Demons dringend Sex (»Blow Me«) und Alkohol (»Wasted Again«).
Zum Schluss betritt das Party Animal die Bühne, steht unbewegt mit dem zum Song »Locked Down« passenden »When Everybody Hates You«-Schild da ... und wenn es unter dem Motorradhelm nicht gestorben ist, dann kommt es auch zur nächsten Show. Wir feiern durch bis morgen früh ...
Die Zeit verfliegt, das Rytmizelt hat nach der letzten Gruppe Koneveljet geschlossen, doch im Nyt musizieren die dänischen Poprocker Mew. Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich die vermeintliche Sängerin als Vertreter der männlichen Spezies… trotzdem ein wirklich guter, da anderer, exzentrischer Sound. Damit reicht's mir für heute. Ja. Ich gestehe: Die allzeit reizvollen Apulanta legen um 1 Uhr ohne mich los.
Tag 2, Samstag: Helsinki Vampires im Sonnenlicht?
Knappe zwölf Stunden Musik satt Samstag ist Marathontag. Den Anfang macht um 14 Uhr die finnische Popgruppe Liekki synchron mit ihren Landsmännern von Discore, kurz darauf schlagen Maj Karma harte Töne an. Zeit für eine kleine Stärkung, bevor die 69 Eyes auftreten. Moment. Die 69 Eyes, selbsternannte Helsinki-Vampires, am helllichten Tag? Ungewohnt aber wahr. Die Vielaugen steigen mit ihren endlich einmal zur Tageszeit passenden Sonnenbrillen auf die Bretter; ihre Anhänger präsentieren sich ohne Augengläser, dafür nicht weniger durchgestylt als ihre Idole. In schwarz versteht sich. Das Set besteht überwiegend aus Titeln des 2004er Silberlings, gesprenkelt mit einigen Klassikern wie beispielsweise »The Chair«. Zum Ausklang drehen die Gothic-Jungs mit »Lost Boys« voll auf, dem absolut besten Song von »DEVILS«. Auf der Saarilava sorgt die amerikanische Frauencombo mit dem passenden Namen The Donnas für Stimmung. Zwischendurch lockern sie die Atmosphäre durch den einen oder anderen zugegebenermaßen politisch nicht ganz korrekten Michael Jackson-Witz auf. Mir prägt sich die Musik nicht besonders ein, aber den Leuten gefällt's. Im Vorbeigehen werfe ich einen Blick ins gerade mal halbvolle Nyt-Zelt. Trotz der Popularität von 22 Pistepirkko keine Spur von Gedränge. Nach einer kurzen Hörprobe wandere ich zurück auf die Insel. Wirklich ein hübsches Gelände auch wenn das Flüsschen langsam unter dem Besucheransturm samt seinen diversen Hinterlassenschaften leidet. Leer-voll-leeres Wechselbad
Gerammelt voll ist die Fläche vor der Hauptbühne. Liegt das wirklich an Zen Café? Oder steckt hier nicht vielmehr der eine oder andere schon sein Revier für Slipknot/Marylin Manson ab? Trotzdem unterstützen sie Sänger/Gitarrist Samuli Putro, singen Texte wie »Hari« mit, jubeln am Ende. Wer jetzt seinen halben Quadratmeter bis zum bitteren Ende zu verteidigen will, kann natürlich nicht mal schnell auf die Insel huschen, um den tamperianischen Negative zu lauschen. Vergleichsweise locker stehen da überwiegend Teenies, dieses Mal ohne liebevoll handgemalte »Sir Christus Let's Fuck«-Plakate; wer möchte, kann entspannt in die vorderen Reihen durchmarschieren. Wie gewohnt inszenieren sich Negative selbst und geben sich trotz ihrer jungen Jahre durch und durch als Stars: Die Band steht bereits auf den Brettern Sir Christus scheint gerade keine Zeit zum Rasieren zu haben und trägt mittlerweile pinke Hosen statt pinker Gitarre nur Sänger Jonne wartet hinter der Bühne. Nebel. Theatralisch schreitet er zu seinen Kollegen, los geht's. Jedes Mal wieder erstaunlich, wie hart die Jungs rüberkommen, Favorit: »Misery« vom Debüt. Ruhig wird's nur kurz, als Christus bei der Ballade »Still Alive« zur zweihälsigen Klampfe in Richie Sambora-Art greift. Mir gefallen sie live definitiv besser als aus der Konserve. »Hello Fucking Finland!«
So was nun? Auf der Inselbühne schmachtet Maija Vilkkumaa ins Mikro; das neue Album trifft nicht ganz meinen Geschmack und ist mit seiner verträumten Langsamkeit nur bedingt festivaltauglich. Also wieder zurück zur Päälava, wo gleich der uneingeschränkte Held des Festivals auftritt. Aber wie: Auf Stelzen stolziert ein überlebensgroßer, schätzungsweise drei Meter hoher Mr. Manson daher. Fotos von dem Spektakel dürfen allerdings nur eine Handvoll ausgewählter finnischer Journalisten schießen, dem Management sei Dank. Schade. Obwohl er inzwischen ordentlich Speck auf den Hüften hat, garantiert Manson stets gute, außergewöhnliche Fotos. Die Industrial-Rhythmen erreichen eine Lautstärke, die sicher nicht nur ganz Seinäjoki beschallen. Als der gebürtige Brian Warner das Depeche Mode-Cover »Personal Jesus« ins Mikro schreit, ertönt hinter mir ein »des Lied isch voll geil«, begleitet von unrhythmischen Körperzuckungen wie geht das bloß, zu diesen Rhythmen? Oweia. Zeit für einen Platzwechsel. einige Zeit später gefolgt wird von einem Ortswechsel: Ich verlasse mit ein paar Finnen das Gelände, wir genehmigen uns einige Drinks zum Ausklang des Abends auf irgendeiner metalbedröhnten Terrassi in der Innenstadt.
Tag 3, Sonntag, Endspurt: Von Teräsbetonis »Orjatar« ...
Sonntag. Programmstart: 12 Uhr. Ohne mich. Zwei Stunden und zwei Liter Kaffee später stehe ich auf dem Gelände, habe sechs Gruppen (Martti Servo & Napander, Lapko, Kauko Röyhkä, The Insult That Made a Man Out Of Mac, Disco Ensemble, Stam1na) verpasst, komme aber gerade rechtzeitig, um die Überflieger des Jahres zu sehen: Teräsbetoni. Kaum ein Festival 2005 ohne die finnische Manowar-Variante. Yep, man sollte das Eisen schmieden, solange es noch heiß ist; nächstes Jahr dürften sie vermutlich wieder in der Versenkung verschwinden, wenn sich der Reiz des Neuen verflüchtigt hat. Zeitgleich spielt keine andere Gruppe, dementsprechend sammelt sich alles egal welchen Alters und Geschlechts vor der Saarilava. Schon schwenkt der Erste eine Manowar-Flagge (da scheint noch eine Marktlücke im Teräsbetoni-Merchandising zu klaffen), Aholas »Onko tällä naisia?« quittieren die weiblichen Anwesenden mit einem Kreischen, obwohl sich dieses Mal keine von ihnen »Orjatar« aufs Dekolleté geschrieben hat. Nach dem Nummer Eins Hit »Taivas Lyö Tulta« treten Stahlbeton ab, die Zuschauer verteilen sich auf dem Gelände. Wer sich In Extremo mit einer Sängerin ausmalt, bekommt eine annähernde Vorstellung dessen, was Gåte im Rytmi-Zelt veranstalten. Sängerin Gunnhild Sundli fungiert als eine Art norwegische Schamanin, während ihr Bruder Sveinung mit einer E-Geige um sie herum springt und sich der Gitarist in willenlosen Zuckungen verrenkt. Wenn nur die äußerst gutaussehende Fronterin nicht ganz so hoch sänge ..., dessen ungeachtet gefällt mir der Mix aus norwegischer Folksmusik und zeitgenössischem Rock. ... bis Nine Inch Nails »Closer«
Hier das gleiche Spiel wie bei Manson: Fotografieren dürfen nur finnische Journalisten, immerhin verschwindend mehr als bei dem großen Meister von gestern. Nicht gerade leise schmettert die Einmanband Trent Reznor zusammen mit vier austauschbaren Statisten ihre Hits ins Volk. »Wish, Sin, Suck, Hurt, Burn« nein, das ist nicht etwa ein Songtitel, sondern derer fünf. Den größten Erfolg feiert der gerade 40 gewordene Häuptling aber mit dem '94er Track »Closer« inklusive der Singalong-Lieblingszeile der Masse: »I want to fuck you like an animal«. Die meisten Mitgrölenden dürften bei »Head Like A Hole« Ende der 80er noch in den Windeln gelegen haben; NIN spielen's trotzdem, aber laut. Geil. Zeitgleich musizieren in engster Nachbarschaft Husky Rescue. Sorry, aber nach den Schallmauer durchbrechenden Nachbarn sind mir die einfach zu langweilig. Mit dem Urgestein Ismo Alanko, 20 Jahre im Musikbusiness klingt Provinssirock aus, der Großteil der Besucher strömte allerdings schon nach Nine Inch Nails durch die Ausgänge. Wer jetzt noch nicht genug hat, kann weiterfeiern bis in die Puppen: Auf der Aftershow-Party im Päätos Klubi stehen noch mal fünf mehr oder weniger bekannte Bands bis 2 Uhr auf dem Programm. Respekt gebührt den Organisatoren, die dieses Mammut-Ereignis auf die Beine stellen, kiitos!
Im Vergleich zu Ruisrock, das 1970 aus der Taufe gehoben wurde, kommt Provinssirock altersmäßig als kleiner Bruder daher: Seit 1979 existiert es, 4500 Besucher sehen bei dem damals noch eintägigen Spektakel beispielsweise die Son Seals Blues Band (USA) und Tuomari Nurmio & Köyhien ystävät. Schnell entwickelt es sich aber zu einem der beliebtesten, bekanntesten Festivals in Finnland mit über 60.000 Besuchern im Jahre 2005. Seinäjoki besitzt zwar einen Flughafen, aber Direktflüge aus dem Ausland gibt es keine. Fremdländische Besucher landen meist in Helsinki-Vantaa, eventuell in Tampere, und steigen um auf die Schienen. Vom Bahnhof gibt's Pendelbusse, viele laufen aber einfach und erleichtern unterwegs die schweren Rucksäcke um einige Liter Alkohol. Jede Menge Infos zu Unterkunft, Anreise, Parken, Gelände und vielem mehr findet der Interessierte auf der Website des Festivals (s.u.) Von Marylin Manson über Bowie bis natürlich Rammstein
Weitere nordische Künstler ... : ... und internationale: Darüber hinaus Weltstars wie:
© Nathalie Martin, exklusiv für Nordische Musik |
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