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![]() Ein Artikel von Peter Bickel Man kennt sich in Norwegen. Jeder jeden, und alle Musiker haben sowieso schon einmal miteinander im Studio aufgenommen.
Skandinavien - und ganz besonders Norwegen - hat sich sein unverkrampftes Verhältnis zur Folklore bewahrt - ein nicht unwesentlicher Grund dafür, dass man im Jazz schon sehr früh nach einer Verbindung zur heimischen Volksmusik suchte.
Parallel und teilweise auch miteinander entwickelten zum Beispiel Terje Rypdal und Jan Garbarek Wege, diese eigentlich artfremden Genres zu einem homogenen Idiom zu verschmelzen, das man seitdem gern als »nordisch klare Spielart« bezeichnet. Sidsel Endresen Nachfolgende Generationen konnten auf dieser Basis aufbauen und nach weiteren Ausdrucksmitteln suchen. So etwa Sidsel Endresen, die gern zugibt: »Seit Jan Garbarek vor fast 30 Jahren ein paar völlig überflüssige Schranken eingerissen hat, haben wir uns in Norwegen das "Everything goes" auf die Fahnen geschrieben.« Schon gut ein Jahrzehnt hinterlässt sie zwischen Pop, Soul, Experiment und eben Jazz - was auch immer man darunter verstehen mag - markante Spuren. Mal mit lyrischen Satzfragmenten, mal ganz ohne Texte pflegt sie eine kammermusikalische Jazz-Poesie, die ohne Vergleiche bleibt.
Die Reduzierung, die möglichst einfache Ausarbeitung scheint es ihr besonders angetan zu haben: »Es gibt Leute, die können aus zwei Noten etwas Magisches zaubern. Deswegen mag ich Mari Boine sehr - ihre Musik legt viel Wert auf das Detail und kümmert sich nicht um Komplexität.« Auf ihrer Suche nach klaren Strukturen tat sich die Sängerin auch mit dem Osloer Keyboarder Bugge Wesseltoft zusammen: Piano und Stimme, nahezu ohne Overdubs. Reduzierter kann man wohl kaum musizieren, und in der Tat faszinieren gerade die beiden Duo-CDs »DUPLEX RIDE« und »NIGHTSONG« wegen ihrer minimalistischen Eindringlichkeit. Bugge Wesseltoft
Wesseltoft, der wie kaum ein anderer die Bedeutung der Pausen kennt, hat seine pianistischen Spuren nicht nur als Sideman bei unzähligen Platten-Aufnahmen hinterlassen. Er tritt auch solo in Erscheinung mit einer ungemein vitalen und durch Improvisationen getriebenen Spielart, die sich bei Jazz, Funk, Dance und Elektronik gleichermaßen bedient. Ein Plattentitel wie »NEW CONCEPTIONS OF JAZZ« ist also durchaus programmatisch zu verstehen. »Wir haben dank Garbarek, Rypdal und Arild Andersen schon in den Siebzigern eine eigene Sprache entwickelt«, meint auch er. »Meine Generation hat dadurch erkannt, dass man künstlerische Eigenständigkeit bewahren und trotzdem Anerkennung finden kann. Schon in Dänemark ist das ganz anders - dort sind 95% aller Musiker stark an Amerika orientiert«.
Als Enddreißiger gilt der Pianist schon als etablierter »Vater des neuen norwegischen Jazz«. Verantwortlich dafür sind nicht nur seine als Bandleader und Spieler gesetzten Akzente, sondern besonders sein eigenes Label Jazzland, das Musiker wie Sidsel Endresen, Eivind Aarset oder Audun Kleive weit nach vorn brachte. Was eigentlich aus reiner Not entstand (»mein erstes Album konnte ich nur veröffentlichen, indem ich mein eigenes Label gründete«), entwickelte sich zum Hort für Genre-Experimente. Bugge's Room - jenes am Osloer Akerselva gelegene Studio, in dem auch Teile von Eivind Aarsets CDs entstanden und das zugleich als Büro dient - wirkt wie ein Miniaturabbild von Norwegen, ein Land mit offenen Grenzen und einer aufgeschlossenen und dennoch seltsam verschworenen Bevölkerung. Denn wichtig bei der Auswahl der Jazzland-Künstler ist Wesseltoft vor allem ein langjähriger Kontakt. Einer aus diesem fast familiären Arbeitskollektiv ist Eivind Aarset. Eivind Aarset
Auf rund 150 Alben hat der Session-Gitarrist schon mitgespielt, darunter auch für Dee Dee Bridgewater, Ray Charles oder Cher. Selbst für Ute Lemper (!) und Morten Harket stand er schon im Studio. Neben diesen Brot-Jobs, bei denen er seine Gitarreneruptionen stark zügelt, verbringt er aber am liebsten seine Nächte in kleinen Studios und auf düsteren Club-Bühnen, um dort elektronisch verfremdete Sounds aus den Saiten zu kitzeln, die nur entfernt an eine Gitarre erinnern. Dass sich seine Mixtur aus dunklem Industrial-Noise und atmosphärischem Ambient-Teppich gegen alle Schubladen sperrt, stört den kreativen Freigeist überhaupt nicht: »Musik umgibt uns immer und überall. Ich sauge diese Eindrücke auf, ohne Genre und Stil zu analysieren. TripHop, Ambient, Drum'n'Bass, aber auch Pop, Rock und Modern Jazz interessieren mich gleichermaßen. Meine eigenen Stücke sind eigentlich digitalisierte Improvisationen, die ich nachträglich am Computer neu ordne. Ob das nun Jazz ist oder nicht, ist für mich nicht relevant.« Wenn Aarset seine schrillen Sound-Eskapaden live aus den Boxen donnern lässt, wird die trendige Club-Herkunft besonders deutlich: Loops und Beatboxen tackern um die Wette, dazu legen Drummer und Bassist ein topmodernes Drum'n'Bass-Geflecht.
So ein gitarristischer Wirbelwind und Klangskulpteur wie er kommt dem Neutöner Nils Petter Molvær wie gerufen: »Eivind spielte in einer Heavyrock-Band, als ich ihn vor 18 Jahren kennenlernte; inzwischen hat er sich zum vielseitigsten Gitarristen entwickelt, den ich kenne.« Nils Petter Molvær Auch der auf der norwegischen Insel Sula beheimatete Trompeter fungiert als personelle wie stilistische Nahtstelle, da er sich mit Aarset, Endresen und Wesseltoft regelmäßig trifft.
Beginnend mit dem Quintett Masqualero gegen Ende der Achtziger bis hin zu seinem jüngsten Solostreich »SOLID ETHER« entwickelte Molvær eine Handschrift, die besonders radikal akustischen Jazz mit elektrifiziertem Underground aufpeitscht. Viele sehen in ihm eine polare Inkarnation von Miles Davis, dem die von DJs und Klangsplittern dominierte Loop-Textur und Molværs darauf gesetzte Moll-Satzzeichen sicher gefallen hätten. »Kontrast erzeugt Spannung, und wenn man damit richtig umgeht, entsteht daraus gute Musik«, definiert der Trendsetter sein Credo. Da erscheint es nur folgerichtig, dass er seine Songs gern von Remixern durch die elektronische Soundmangel drehen lässt: »Remixer sind die Jazzmusiker der Zukunft. Sie arbeiten in derselben Art wie improvisierende Instrumentalisten.« Wenn Molvær Recht haben sollte, hat er die Zukunft schon eingeläutet. © Peter Bickel, erstmals erschienen in Nordis, 2002
Links
www.jazzlandrec.com www.ecmrecords.com www.actmusic.com
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