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![]() Ein Interview von Eva-Maria Vochazer Alles fließt. Zumindest bei Hakon Gebhardt, der nach 14 Jahren überraschend seinen Ausstieg als Drummer bei der norwegischen Kultband Motorpsycho erklärte, um sich gemeinsam mit seinem Kumpel Martin Hagfors ganz seinem früheren Nebenprojekt HGH, dem Banjospiel und seiner Leidenschaft für Trash-Grass-Musik zu widmen.
Trash Grass ist nicht wirklich gut, wenn es nicht auch böse ist
Ein Gespräch mit Geb und Martin kann ziemlich atemlos machen. Die beiden werfen sich in einer irrwitzigen Geschwindigkeit die Bälle zu und funktionieren dabei mit der schlafwandlerischen Sicherheit eines seit vierzig Jahren verheirateten Ehepaares. Was als Gespräch über musikalische Entwicklungen und Brüche geplant war, darunter Gebs Abschied von Motorpsycho oder das neue HGH-Album »MIRACLE WORKING MAN«, entwickelt sich unversehens zum Austausch theologischer Spitzfindigkeiten unter Ex-Katholiken, unter anderem über den natürlichen Lebensraum von Engeln. Die beiden entpuppen sich als augenzwinkernde Missionare einer neuen spirituellen Bewegung, nämlich der von Vater Seb. Der, ein blasser, pudelbemützter, in einem knielangen Kaftan gewandeter, dunkellockiger junger Mensch sitzt in der Ecke, schweigt und lächelt rätselhaft dazu. Ihr seid gerade mittendrin in einem sehr dichten Tourzeitplan, gestern in Berlin, heute in Darmstadt, morgen in Ulm ... wie lässt sich die Tour an? Geb: Sehr gut! Kannst Du mal kurz erklären, was es mit der Vater-Seb-Geschichte auf sich hat? Martin: Ja klar. Es geht um Liebe, Toleranz und Bewegung. Das mit der Liebe und Toleranz leuchtet ja ein. Was hat es mit der Bewegung auf sich?
Martin: Wir sind immer unterwegs. Und Vater Seb ist oft unterwegs. Und Bewegung heißt: Der moderne Mensch ist immer auf Reisen. Er hat nirgendwo irgendwelche Wurzeln. Er ist immer auf der Straße unterwegs. Und wenn wir unterwegs sind, sündigen wir. Wir müssen uns deshalb aber nicht schlecht fühlen. Du als Ex-Katholikin müsstest das verstehen ... Aber die beste Erfindung des Katholizismus ist doch die Beichte... Geb: Das stimmt. Aha. Geb: Es ist das Gleiche mit dem Trash Grass, mit dem wir arbeiten, mit der Musik. Trash Grass ist nicht wirklich gut, wenn es nicht auch böse ist. Und in Wirklichkeit sind es die Leute, die immer so heilig und supersauber tun, bei denen Du besonders vorsichtig sein musst. Und das ist die Musik, von der wir uns fernzuhalten versuchen. Es ist die Musik, die zu perfekt ist, Du weißt schon, »Suchen ein Superstar« (wirft er in gebrochenem Deutsch ein) und all dieser Scheiß. Ihr kennt »diesen Scheiß« aber? Martin: Klar, den gibt es auf der ganzen Welt. Das ist wie ein Virus. Es gibt keine künstlerische Vielfalt mehr. ... Ach ja, der Superstar-Sieger aus Norwegen, Kurt Nilsen, ist ja inzwischen ziemlich bekannt geworden. Martin, augenzwinkernd: Ja genau, um den geht es auch. Du bist ja kulturell informiert, aber über Trash Grass hast Du noch nichts gehört ... siehst Du. So sieht es nämlich derzeit auf der Welt aus! Die Engel sind immer neben uns
Und jetzt verbreitet Ihr die gute Botschaft? Martin: Ja! Haben die Engel nicht auch kleine Banjos? Martin: Das sollten sie! Wird Vater Seb beim Konzert das Wort ergreifen? Geb: Nicht während der Show. Dann nach der Show? Martin: Wir könnten ihn fragen: Aber eigentlich hält er keine großen Reden oder so.. Also er ist einfach da? Martin: Ja, es geht um seine Spiritualität. Und die überträgt sich auch auf die Leute, die sich mit ihm in einem Raum befinden. Unterstützung von der Seite
Habt ihr also bei Eurem neuen Album »MIRACLE WORKING MAN« Hilfe von oben bekommen? Geb: Nein, nein, nein, nicht von oben! Klar, natürlich! Martin: Schön! Gute Sache! Es ist bereits Euer viertes Album als HGH ... Geb: Aber erst unser drittes in Stereo! Euer erstes Album habt Ihr doch bei Dir zuhause aufgenommen, Geb, so weit ich weiß ... Geb: Das erste Album wurde in einer kleinen Hütte irgendwo aufgenommen. Das war noch in Mono. Das nächste ist dann im meiner Wohnung entstanden. Das war dann schon in Stereo. Und das dritte haben wir in verschiedenen Hotelzimmern aufgenommen, während wir in Deutschland auf Tour waren. Das war dann schon »SEB'S HOTEL«. (Todernst, mit einem leichten Glitzern in den Augen): Das war unser erstes Konzeptalbum über Vater Seb. Das wir damit anfingen, die frohe Botschaft über ihn zu verkünden. Über ihn und sein kleines Hotel an der Reeperbahn. Wo wir ihn getroffen hatten. Jetzt, auf dem neuen Album, haben wir schon viel mehr Lyrics über ihn. Er hat uns dazu inspiriert, noch mehr Ratschläge zu geben. Er sieht, dass wir doch einige Leute treffen ...
Ich finde, dass er ziemlich zufrieden ausschaut ... Geb: Das ist er! Er mag es aber nicht, viel zu reden ... Ihr habt auf dem neuen Album einen Song mit dem Titel »Blood For Oil«. Hatte das etwas mit dem Irak-Krieg zu tun? Geb: Ja, definitiv. So wie Tom Cruise in Fliegermontur in »Top Gun« ... Martin: Ja, genau. George W. Bush hat so getan, als sei er im Irak, und in Wirklichkeit war er an der südkalifornischen Küste. Aber nicht bei allen. Geb: Nein. Sie haben noch einige verlorene Seelen übrig.
Wir mögen Country nicht besonders Werdet Ihr eigentlich von Country Music inspiriert? Was mögt Ihr daran?
Geb: Wir mögen Country eigentlich nicht so besonders ... Könnt Ihr das mal ein bisschen genauer erklären?
Geb: Trash-Grass- Musik sollte niemals immer nur gut sein, wie wir vorhin schon gesagt haben. Trash-Grass-Musik sollte niemals perfekt sein. Ehrlich gesagt ist sie am besten, wenn sie eben nicht perfekt ist. Könnt Ihr ein Beispiel nennen? Geb: Wenn man den alten Aufnahmen zuhört, merkst du sofort, dass die Leute einfach vor ihrem Haus sitzen und Musik machen. Die uralte Komödie des Lebens
Aber Ihr habt mit dieser Art Musik doch etwas gemeinsam. Die Themen zum Beispiel. Wie die gebrochenen Herzen und die unglücklichen Liebesgeschichten ... Martin: Ja, das stimmt schon. Das findest du aber auch in italienischen Opern. Oder in 500 Jahre alten deutschen Volksliedern. Ich bekomme langsam den Eindruck, dass es mit Vater Sebs Lehren bei Euch richtig funktioniert ... Mit all diesen Weisheiten und Einsichten... Geb, augenzwinkernd: Da ist schon was dran. Wir tauchen inzwischen in Zusammenhang mit dem christlichen Milieu in Norwegen auf. Zu Weihnachten hatten wir eine ganze Seite in der größten christlichen Zeitung in Norwegen über Vater Seb. Geb, bei Dir hat es in letzter Zeit einige große Veränderungen gegeben. Du hast Dich in diesem Frühjahr entschlossen, nach 14 Jahren bei Motorpsycho auszusteigen. Wie kam es dazu? Geb, freundlich-zurückhaltend: Es war eine ganz normale Entwicklung. Ich habe gemerkt, dass es mich nicht mehr so reizt, neues Material mit Motorpsycho zu schreiben, dann auf Tour zu gehen, mit den immer selben Stationen. Es gibt keine schlechten Gefühle. Wir sind eben immer unterwegs.
Und was steht in nächster Zeit an? Geb, lächelnd: Die Arbeit mit HGH natürlich. Und verschiedene Nebenprojekte. Wir arbeiten auch mit Kindern, mit einer etwas abgeschwächten Form der Vater-Seb-Geschichte. Vielen Dank für das Gespräch! Und viel Erfolg bei Eurem Konzert heute abend in Darmstadt! Beide: Danke!
HGH startet 1999 als Nebenprojekt von Motorpsycho-Drummer Hakon Gebhardt, Martin Hagfors von der norwegischen Band Homegrown und Lars Havard Haugen von den ebenfalls norwegischen Hellbillies. HGH steht urspünglich für Haugen Gebhardt Hagfors, nach dem baldigen Ausstieg von Haugen dann für Hagfors Gebhardt Hickstars. HGH sind in den letzten Jahren mehrfach in Europa getourt, zuletzt in diesem Frühjahr. Beim Album »MIRACLE WORKING MAN« hat Haugen wieder bei den Aufnahmen der Songs mitgewirkt.
© 2005 Eva-Maria Vochazer, exklusiv für Nordische Musik
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