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![]() Ein Interview von Nathalie Martin Einen wohligen Vorgeschmack auf das neue Album der Teufels-Cellisten, welches Anfang 2005 in die Läden kommt, hinterließen die »Listening-Sessions« in ausgewählten deutschen Großstädten. Leider nur vom Band stammte die Musik, dafür stand Chef-Songwriter Eicca Toppinen in den Pausen Rede und Antwort. Auf englisch natürlich, denn so Eicca grinsend: »En puhu saksaa!« (»Ich spreche kein Deutsch«).
Texte beschränken die Fantasie Wie bereits auf »REFLECTIONS« finden sich auf eurem neuen Album nur Eigenkompositionen und fast alle sind rein instrumental. Wie findet Ihr die Titel für eure Stücke, so ohne Texte?
Eicca: (nickt nachdenklich) Das ist wirklich schwierig. Oft haben wir erst mal nur Arbeitstitel; viele endgültige Titel entstehen später. Ebenso schwer ist es, einen Namen für das Album zu finden. Das neue wird nur »APOCALYPTICA« heißen. Macht Ihr noch klassische Musik? Eicca: Perttu spielt im Philharmonischen Orchester in Helsinki.
Eicca, Du bist mit dem Songwriting ziemlich ausgelastet. Wie war das beim neuen Album? Eicca: Bis auf drei, die von Perttu stammen, habe ich alle Stücke geschrieben. Insgesamt 20, dann haben wir eine Demo gemacht und davon Stücke ausgewählt. Paavo hat auch angefangen zu schreiben, jedoch passten seine Stücke nicht zum restlichen Album. Aber in der Zukunft werden wir von Paavo hören. (Pause). Perttu hat im Sommer wie ein Verrückter komponiert, die Songs sind aber alle eher im Blackmetal-Stil. Es ist besser für ihn, damit ein Soloprojekt zu starten das wird er auch. Sind Coverversionen nun endgültig passé? Eicca: Zur Zeit ja. Aber wir schließen es für die Zukunft nicht aus. Im Moment sind unsere eigenen Stücke allerdings rockig genug. (lacht) Da müssten wir schon klassische Musik covern. Aber live machen sie immer noch einen großen Bestandteil unseres Programms aus. Kamen schon Anfragen von Bands die eure Songs covern wollen, »Metallica Plays Apocalyptica« ...? Eicca: (grinst) Bisher noch nicht. Leider.
Ville Valo, Lauri Ylönen und die Fledermäuse Habt ihr schon mal an eine Zusammenarbeit mit Tarja Turunen (Nightwish) gedacht?
Eicca: Wir haben schon mal darüber nachgedacht. Vielleicht. (Lacht) Aber für dieses Album wär's wirklich zuviel gewesen, Lauri, Ville UND Tarja. Ihr hattet noch niemals eine finnische Sängerin? Eicca: Nein. Warum? Eicca: Es gibt im Rockbereich einfach keine Guten. Wir haben zwar jede Menge ausgezeichnete Opernsängerinnen, ich denke es gibt in jedem deutschen Opernhaus mindestens eine Finnin, aber im Rockbereich ... Neben »Bittersweet« steht ein weiter Titel auf eurem neuen Album definitiv fest: »Life Burns«. Der Song klingt ziemlich hart und der Sänger verdächtig nach Lauri Ylönen ...
Eicca: (grinst) Er ist es. Lauri war erst unsicher, weil das Stück wirklich Heavy (Metal) ist. Allerdings kann er damit zeigen, dass er mehr kann wie ein »Teeniestar«, als der er in Südeuropa vermarktet wird. Trotzdem dauerte es lange, bis ihr etwas gemeinsam produziert habt ... Eicca: Ja. Wir haben alle sehr volle Terminpläne und hatten auch für die »Bittersweet«-Single nur wenig Zeit. Im zugehörigen Video hängt ihr Cello spielend von der Decke. Warum?
Eicca: (grinst) Wir waren mit Lauri und Ville was trinken. Dann hatten wir diese Idee mit dem Tisch, an dem Lauri und Ville sitzen. Plötzlich meinte Ville: »Hei ihr könnt doch von der Decke hängen, wie Fledermäuse«. Unser Video-Director fand's cool, also haben wir's gemacht. Apropos Hitze: Ihr seid schon in Spanien, Mexiko, ... aufgetreten. Welches war der heißeste Gig? Eicca: Die schlimmste Hitze hatten wir tatsächlich auf dem Sziget-Festival (Anmerkung der Redaktion: In Budapest) im Metalzelt. Das war so aufgeheizt ... ich habe drei Tage gebraucht, bis sich mein Körper erholt hatte. Alles war weg, die Vitamine, Mineralien, ... (Pause) Wirklich schlimm sind kleine, enge Clubs ohne Klimaanlage und wenn's dann draußen heiß ist, geregnet hat, und die Leute nass in die Halle kommen, die reinste Sauna ... und du musst da über 90 Minuten Höchstleistung bringen. Nackte Tatsachen ...
... da hilft nur ausziehen. Ich habe gehört, dass ihr gelegentlich nackt probt, beziehungsweise aufnehmt ... Paavo: (grinst) Immer! Interessante Vorzeichen für die näxte Tour, 2005 ... wo führt die euch hin? Eicca: Wir starten in Europa, dann in die USA, nach Südamerika und hoffentlich nach Japan. Ungefähr 100 Shows. Am Stück?! Eicca: Nein! Maximal drei Wochen am Stück, zwischendurch fliegen wir heim. (grinst) Family-Life, you know. Stichwort USA: Habt ihr da viele Fans?
Paavo: Wir haben 350.000 CDs verkauft, obwohl wir da noch nie gespielt haben. Wir gehen jetzt zum ersten Mal hin. Ihr scheint tatsächlich eine der wenigen Bands zu sein, die immer einen Riesenspaß auf der Bühne hat oder täuscht das? Eicca und Paavo (im Chor): Deswegen machen wir das! ... und gefährliche Konzerte
Eure leidenschaftlichen Auftritte sind allerdings schlecht für eure Instrumente. Wie viele Celli habt ihr denn bisher zerstört? Eicca: Ich habe nur eines zerstört. Aber das mehrmals. Immer das gleiche Cello. Einmal hat sich ein Kabel mit meinem Cello verheddert und Perttu stand auf dem Kabel. (verblüfft) Plötzlich hatte ich nur noch den Cellohals in der Hand. Tatsächlich? Paavo und Eicca (synchron): Ja! Aber Bögen vernichtet ihr mit schöner Regelmäßigkeit ...
Eicca: Oh ja! »Inquisition Symphony« ist der gefährlichste Song. Da gehen immer Bögen kaputt. Wenn du voll am Spielen bist, voller Kraft und Aggression, kannst du nicht unbedingt kontrollieren, was du tust: Ich habe einmal einen Bogen ins Publikum geworfen und zum Glück niemanden damit getroffen. (lacht) Einmal ist Perttu von der Bühne gefallen ... An dieser Stelle müssen wir das Interview leider abbrechen der Flieger zurück nach Finnland wartet nicht. Doch wer Apocalyptica 2005 auf Tour sehen wird, kann sich garantiert auf einiges gefasst machen.
Was passiert, wenn Jugendliche Metal insbesondere Metallica lieben, zugleich vier junge Cello-Schüler sind und dazu noch aus Finnland stammen?
Richtig: Sie gründen eine Band und spielen Metallica auf ihren Celli. So geschehen Ende 1993 bei Eicca Toppinen, Paavo Lötjönen, Max Lilja und Antero Manninen, Schüler der Sibelius Akademie in Helsinki und inzwischen weltberühmt unter dem Namen Apocalyptica. Mit ihren ersten Auftritten, sowie dem 1996 erschienen Album »APOCALYPTICA PLAYS METALLICA BY FOUR CELLI«, erregen sie gewaltig Aufsehen, zuerst in der lokalen, später in der internationalen Musikszene. Insbesondere live übertreffen sie die, damals handzahm gewordenen Metallica-Buben, an Kraft und Aggression. Zwei Jahre später veröffentlichen sie »INQUISITION SYMPHNOY«, das neben Coversongs von Sepultura, Slayer, Pantera, ... drei Eigenkompositionen Eiccas aufweist. Der Zweitling zieht Openair-Auftritte in ganz Europa und Mexiko nach sich, die Finnen fungieren sogar als Opener für ihre Idole Metallica in Helsinki. Auf ihren Konzerten tummeln sich Oma und Enkelkind neben Krawattenträgern, Punks, Metalheads und Klassikfreunden. Antero geht Perttu kommt
Doch bevor 2000 »CULT« erscheint, ist Perttu laut Paavo »schnellster Cellospieler der westlichen Hemisphäre« festes Mitglied. Die dritte Scheibe stellt das Verhältnis von Coverstücken zu Eigenkompositionen auf den Kopf: Eicca schrieb alle Songs, bis auf zwei Metallicsongs (»Fight Fire With Fire«, »Until It Sleeps«) und Griegs »Hall Of The Mountainking«. 2001 holen die Finnen zwei Deutsche mit ins Boot: Guano Apes-Frontfrau Sandra Nasic für den Song »Path Vol II«, sowie Matthias Sayer von den Farmer Boys für »Hope Vol. II« und stürmen mit ihnen die Charts. Nach zweieinhalb Jahren auf Tournee kriselt es im Quartett: Anfang 2002 spielen sowohl Eicca als auch Paavo mit dem Gedanken auszusteigen, doch letztendlich ist es Max, der Apocalyptica verlässt. Private Kontakte der Musiker bestehen dessen ungeachtet weiterhin. Coversongs ade ...
Zum ersten Mal fliegen die Finnen nur mit ihren eigenen Flügeln: Null Coversongs, dafür trommelt sich Slayers Dave Lombardo bei fünf Stücken die Seele aus dem Leib. Live nimmt Daves Platz ein finnischer Bekannter ein: Schlagzeuger Mika. Für den Nachfolger »REFLECTIONS REVISED« interpretiert die schwedische Sängerin Linda Sundblad (Lambretta) »Faraway«, und Nina Hagen singt Rammsteins »Seemann«. Zugehörige Videos und Apocalyptica-Livemitschnitte füllen die beigefügte DVD. Danach ist es still um die Teufels-Cellisten, bis Ende 2004 die Export-Rundumschlag-Single »Bittersweet« mit gleich zwei finnischen Superstars am Mikro erscheint: HIMs Ville Valo und Lauri Ylönen von The Rasmus hauchen das balladeske Duett um eine unglückliche Liebe in die Charts. 2005 erscheint das fünfte Studioalbum der Nordmänner ebenfalls ohne Coversongs und schlicht betitelt: »APOCALYPTICA«.
© Nathalie Martin, exklusiv für Nordische Musik
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