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Alle Rezensionen zu Vladislav Delay
(Genre »Jazz«, Land »Finnland«)

 

Vladislav Delay Quartet
(2011, Honest Jon’s HJRCD/LP56)

Obwohl der Jazz von allen Musikstilen wohl stets der mutigste war und sich am meisten der Avantgarde und überhaupt den verschiedensten Einflüssen geöffnet hat, fällt doch erst beim Hören dieses Albums auf, dass es bisher kaum eine solche – und derart gleichberechtigte – Verbindung aus (Free) Jazz und abstrakter Elektronik gab. Nachdem sein letztes Vladislav-Delay-Album »Tummaa« bereits ein recht organisch entstandenes Trioalbum war, bekam Sasu Ripatti vor rund drei Jahren Lust, für Konzerte sein eigenes Jazzquartett ins Leben zu rufen und suchte sich dafür drei Musiker aus drei Ländern und musikalischen Umfeldern: Derek Shirley (Kontrabass), Lucio Capece (Saxofon, Bassklarinette) und Landsmann Mika Vainio, der sich bereits mit zahlreichen Soloalben und Kollaborationen in die elektronische Musik der letzten zwei Jahrzehnte eingeschrieben hat. Ripatti selbst werkelte diesmal gar nicht mit Elektronik, sondern kehrte zu Schlagzeug und Percussion zurück, womit er einst seine musikalische Laufbahn angefangen hatte.

Vainios Einfluss ist auf dieser ersten CD am stärksten (oder wenigstens am offensichtlichsten), und in Anbetracht der Tatsache, dass Ripatti selbst vor allem fast all seine Platten im Elektronikbereich veröffentlichte, springen nicht nur die stilistischen Unterschiede zwischen den beiden Finnen ins Auge (bzw. ins Ohr), sondern auch, dass Vainio die mutigeren, radikaleren Klänge zu erzeugen vermag, speziell natürlich im Bereich des live Gespielten. Den Fans des kürzlich in Ruhestand getretenen Meisterduos Pan Sonic darf man das Valdislav Delay Quartet also viel eher ans Herz legen als den Hörern, die eine Fortführung des geschmackvollen Uusitalo/Delay-Ambient suchen und bei diesem Free Noise Jazz vermutlich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen werden. Die stilistische und klangliche Spannweite ist so breit wie die bisherigen künstlerischen Lebensläufe der Mitwirkenden, die doch hier ein kraftvolles Amalgam aus ihren Einflüssen produzierten. »Minus Degrees, Bare Feet, Tickles« schichtet verfremdete Bläser und gestrichenen Bass über Pan-Sonic-Dröhnen wie aus der Metallfabrik im 19. Jahrhundert. In »Louhos« kreischt das Saxofon wie das Alien im gleichnamigen Kinofilm zu einem zehnminütigen Gewitter aus Noise und Industrial-Beats à la Suicide. Viel ruhiger pulsierend dagegen »Presentiment« und »Santa Teresa«, wie Filmmusik zu einem eindringlichen Großstadt-Noir-Thriller. (ijb)



Siehe auch:
Mika Vainio (Ø)
Luomo
Uusitalo
Pan Sonic

Vladislav Delay: Vladislav Delay Quartet

Offizielle Website

Offizielle Website      www.vladislavdelay.com/

   

Vantaa
(2011, Raster-Noton R-N 136)

Da geht die Post ab - langsam zwar, aber dann doch. Sasu Ripattis gefühlt fünfzehnte Veröffentlichung in den letzten zwei Jahren präsentiert ihn mal wieder von seiner besten Seite. Besser als Luomo, AGF/Delay und Sistol - und natürlich vollkommen anders als sein Noise-Jazz-Quartett - ist nun sein Debüt auf Raster-Noton, das als Beginn einer langen Zusammenarbeit angepriesen wird. Wenn »VANTAA« die Richtung vorgibt, brauchen wir uns um die Qualität von Label und Künstler keine Sorgen zu machen.

Raus aus Berlin, mit Frau und Kind und Studio zurück ins Heimatland auf die einsame Insel, präsentiert Vladislav Delay sein zehntes Soloalbum ebenso als Summe wie Neubeginn. Der Einstieg mit »Luotasi« bleibt noch vorsichtig, ziemlich ambient, aber spätestens bei den achteinhalb Minuten von »Lauma« wummert die extravagante Kreuzung aus Dub-Techno, Berlin-inspirierter IDM und Minimal-Post-Industrial (jaja), aus Geräusch und Rhythmus, dicht und effektvoll. Das ist unerwartet und grandios, nicht weniger. Eine Stunde lang gibt Delay den Altmeister, schichtet Formen, Energien und Assoziationen über- und ineinander, dass es eine helle Freude ist. Was so einfach und unauffällig daherkommt, erweist sich beim genauen Hinhören als komplexe organische Elektronica-Sinfonie. Der kann was, der Finne. Mehr davon! (ijb)

   

as Sistol: On The Bright Side
(2010, Phthalo Records / Halo CyanRec PHC04)

Der Mann wird nicht müde. Nachdem Sasu Ripatti in der jüngeren Vergangenheit unter immer weiteren Pseudonymen und Kollaborationen veröffentlicht und sogar eine Free-Jazz-Liveband ins Leben gerufen hat, gibt es nun, elf Jahre nach dem ersten, ein zweites Album als Sistol, sowie zeitgleich ein Re-Release des Debüts mit einer zweiten CD aktueller Remixe zahlreicher Größen der elektronischen Musikszene. Freilich werden diese Veröffentlichungen gleich unmissver-ständlich als »Vladislav Delay as Sistol« auf dem Cover ausgewiesen, hat sich doch das Delay-Pseudonym in den zehn Jahren als Ripattis markantester Künstlername etabliert.

Bei der Unmenge an aktuellen Projekten überrascht es fast, dass »ON THE BRIGHT SIDE« nicht zu einer uninspirierten Kopie des rauhen Frühwerks geraten ist. Im Gegenteil: Im direkten Vergleich mit der Wiederveröffentlichung erweist sich die neue Platte klar als stärker. Eine seiner besten wurde sie dann leider doch nicht ganz. Der Stil ist zwar im Grunde der gleiche wie damals: trockener, latent experimen-teller, aber doch so geradliniger wie clubtauglicher Techno; und - teilweise jedenfalls - ein subtiles Update von früher Neunziger-Jahre-IDM à la Richard D. James und anderen Warp-Artists. Etwas mehr Fokussierung hätte aus dem Album einen echten Knüller gemacht. Vor allem die erste Hälfte bleibt über die längeren Tracks bald zu monoton und nur durch diverse, nicht so recht überzeugende Soundspie-lereien »aufgelockert«, die unangenehm an alte Videospiele erinnern. Am überzeugendsten ist Sistol 2010, wenn die Tracks entweder klanglich etwas aggressiver und rhythmisch fintenreicher ausfallen (»Glowing and so spread«, »Fucked-up Novelty«) oder er sich über jeweils rund acht Minuten poppig elegant als Kalkbrenner Finnlands empfiehlt (»A Better Shore« und »Funseeker«). (ijb)

   

as Sistol: Remasters & Remakes
(2 CDs, 2010, Phthalo Records / Halo CyanRec PHC 02)

Man muss schon eine ganz besodere Vorliebe für mini- malistische elektronische Musik haben – oder aber Ripatti- Komplettist sein, um dieses, sein zweites Album ins Herz zu schließen. 1999 unter dem Pseudonym Sistol veröffentlicht, wurde dieses knapp einstündige Technoalbum nun wieder-veröffentlicht - remastered, mit komplett neuem Design, abgeänderter Tracklist (zwei Albumtracks des Originals wurden ausgetauscht durch »rare tracks«) und vor allem in Begleitung einer zweiten CD mit elf Remixversionen unter- schiedlichster Kollegen, von John Tejada über Alva Noto und DMX Krew bis hin zu Sutekh. Damit keine Unklarheiten bleiben, erscheint, wie das parallel veröffentlichte Sistol-Nachfolgealbum »On the Bright Side«, auch dieses direkt als »Vladislav Delay as Sistol« und anstelle eines Albumtitels heißt es: »REMASTERS by Vladislav Delay«.

Diese acht Tracks sind nicht so wagemutig und facettenreich wie die nachfolgenden Veröffentlichungen, mit denen Ripatti als Vladislav Delay bekannt wurde. Gerade im Rückblick zeigt sich die Platte sehr dem Klang ihrer Entstehungszeit verhaftet, den Anfängen des Dub-Techno, spartanische Produktion, die Rhythmen ohne Unterbrechung gleichförmig und nur mit minimalen Variationen ausgestattet. Ein unter-haltsames Club- und Tanzalbum ist dies nun nicht, trotz Fokus auf Beats. Auf der »REMAKES«-CD geht es natur- gemäß merklich vielseitiger zu. Dennoch hätten manche der Neubearbeitungen gerne etwas spannungsvoller sein dürfen. Während Aki Latvamäki oder der gewohnt herausragende Carsten Nicolai (Alva Noto) auch im Beharren auf Reduktion überzeugen, liefert Mike Huckaby fünfeinhalb Minuten variationslosen Rhythmus-Shuffle ab. Wechselhaftes Niveau, aber die eine oder andere Entdeckung wird für jeden zu finden sein. (ijb)

   

as Sistol: On The Brighter Side (Remixes)
(LP, 2010, Phthalo Records / Halo CyanRec PHC03, PHC05)

Zum Album »On The Bright Side« erschienen zwei EPs mit dem Titel »ON THE BRIGHTER SIDE« mit Remixversionen hochgehandelter Musiker, die die Originale durchweg sowohl eigenständig stark als auch verbessernd bearbeitet haben, wie es auch bei den parallel veröffentlichten »Remakes« des Debüts der Fall ist.

Während die EP »Vol.1« den Schwerpunkt auf radikal geradlinige Techno-Tanzbarkeit legt (Redscape, Jori Hulkkonen), geht es »Vol.2« etwas entspannter an und bietet vier individuelle Versionen, die sehr zum aufmerksamen Hören einladen, von Scuba, Falty DL, Oneothrix Point Never und Walls. (ijb)



Siehe auch:
Jori Hulkkonen



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