|
Livandi Oyða
(2008, Tutl HJF162)
Ist man unvorsichtig, dann überwältigt einem die Brutalität dieser Musik mit der elementaren Kraft einer nordatlantischen Welle, die über die Kaimauer klatscht. Nach Luft schnappend denkt man: »Was, um alles in der Welt, war denn das«? Das Quintett von den Inseln hat fast alle Instrumente, die auf dem Debütalbum »LIVANDI OYDA« verwendet werden, aus Gerätschaften zusammengebaut, die sich im Umkreis einer Scheune finden lassen. Eine Orgel besteht aus Flaschen, der Bass ist ein umfunktionierter Zaunpfahl, die Harfe aus den Einzelteilen einer Fernsehantenne gefertigt. Aufgenommen wurde in eben jener Scheune. Im Ergebnis klingt das gewalttätig, roh, orkanzerzaust und unglaublich kraftvoll. Ungeheure, nie gehörte Töne.
Wäre Tom Waits ein Matrose mit rauen Händen, würde er sich nahtlos in das Ensemble einfügen. Die auf faröisch vorgetragenen Songs klingen gleichermaßen nach Trinkballaden, blutrünstigen Sagas und Gruselgeschichten. Nebel wabern über nassdunstige, schroffe Landschaften. Dabei erschaffen Orka eine archaische Postmoderne, indem sie in Worte und Taten auf den Spuren der Einstürzenden Neubauten wandeln. Weitere Brüder im Geiste sind Kaizers Orchestra mit ihrer anarchischen, völlig gegen den Strich gebürsteten Interpretation von Traditionalismus. Orka-Sänger Kári Sverisson kann einem Angst einjagen, so wie der fliegende, verfluchte Holländer. Sollte er aber nicht, dafür liegen hier viel zu viel Aufbruch, Intensität und lustvolle Zerstörung in der Luft. Allein durch die intelligenten Elektronikspielereien, die hier hintergründig eingewebt sind. Soll uns doch die nächste Atlantikwelle attackieren! Wo die Angst ist, da geht es bekanntermaßen lang! (emv)
|