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Alle Rezensionen zu Jon Balke
(Genre »Jazz«, Land »Norwegen«)

 

Siwan
(2009, ECM 178 0151)

Ups. Ein großes, ein ambitioniertes Projekt. Nord trifft Süd, alte Musikkultur wird heute wieder belebt. Es gab eine Zeit, als die Muslime in Spanien noch in friedlicher Nachbarschaft mit Christen und Juden lebten. Doch dann kam die Inquisition, die das traditionelle Gleichgewicht der Kulturen brutal ins Wanken brachte – was sich natürlich auch auf die Musik auswirkte. Der norwegische Keyboarder Jon Balke versucht mit »SIWAN« zu ergründen, welche Musik sich ohne diese brutale Zäsur nach dem 14. Jahrhundert entwickelt hätte, im Dialog von europäischem Barock, arabischen und al-andalusischen Motiven und moderner Improvisation.

Als Begleiter hat er die denkbar besten Freigeister gewählt: Der multikulturell interessierte Drummer Helge Norbakken spielt farbenreich und unaufdringlich, die raumgreifende Stimme der marokkanischen Sängerin Amina Alaoui reibt sich mit den Lauten des algerischen Geigers Kheir Eddine M‘Kachiche, und Jon Hassell hält wie ein Schlangenbeschwörer alles mit fließenden Trompeten-Sounds zusammen. Nicht zu vergessen: ein zwölfköpfiges Barock-Orchester! Wie Balke die Tradition der algerischen Gharnati Musik – der Name stammt von einer alten arabischen Bezeichnung der Stadt Granada – für unsere heutige Zeit hörbar macht, sucht seinesgleichen. Auch klangtechnisch übrigens. (peb)



Siehe auch:
Jon Balke & Magnetic North Orchestra
Jon Balke, Per Jørgensen, Audun Kleive
Jon Balke / Batagraf

Jon Balke: Siwan

Offizielle Website

Die CD »Siwan« war »CD des Monats« im Monat 7 / 2009.
Und so urteilten unsere anderen Autoren darüber:

Grandios! Jon Balke ist ein ungemein kluger Kopf, versetzt sich mal eben in (geographisch und temporär) weit entfernte musikalische Gefilde und schafft ein faszinierendes Universum, das Barock und arabische/andalusische Musik zusammen bringt. Aber man muss sich nicht mit Musikgeschichte befassen; es genügt, die CD einzulegen: »SIWAN« nimmt den Hörer auf eine Reise mit - aber Vorsicht! Suchtgefahr!
Tim Jonathan Kleinecke

Um mal ein altertümliches Wort hervorzukramen: Erhebend. Und wo wir schonmal dabei sind: Erhaben. Was der Purist Arvo Pärt mit der Kreuzung aus Neuer Musik und Mittelalter versucht, entsteht hier zusätzlich noch aus der Kreuzung zwischen Ost und West, die so gar nichts weltmusikhaft erzwungenes hat. Wenn doch nur aus allen Kultur-Kollisionen immer etwas so Schönes, Ernsthaftes entstünde ...
Sebastian Pantel

Ein Blick in die Vergangenheit, dramatisch und faszinierend zugleich. Das virtuose Zusammenspiel von Jon Balke und seinen Mitstreiter bietet großes Kopfkino und hallt lange nach. Eine CD die den Hörer so schnell nicht wieder loslässt.
Jessica Walther

Ein Feuerwerk an rhythmischen EInfällen, ein feines Geflecht aus kulturellen Schwingungen, ein Paradebeispiel meisterhafter und dennoch niemals aufdringlicher Instrumentenbeherrschung. Solcherlei Adjektive hat man schon oft gelesen - hier treffen sie zu!
Peter Bickel

Offizielle Website      www.notam02.no/~jonba/

   

Book Of Velocities
(2007, ECM/Universal 1733276.5)

Jon Balkes Veröffentlichungs-Liste ist ziemlich imposant – und dennoch ist dies seine erste Solo-Piano-Aufnahme. Die ist dafür umso durchdachter und ausgefeilter – obwohl sie ganz auf Spontaneität beruht. 19 Miniaturen, in fünf Abteilungen gruppiert, jedes der kleinen Stücke erforscht eine andere Ausdrucksmöglichkeit des Klaviers: präparierte Saiten, Hall-Pedal-Effekte, simple Melodien, komplexe Cluster.

Nur der Pianist und sein Instrument, keine Spur von heutzutage allgegenwärtiger Elektronik – obwohl die Sounds, die Balke erzeugt, manchmal so klingen: gläsern, perkussiv, wie aus dem Synthesizer. Die Aufnahme horcht mit großen Ohren in den Flügel hinein, und so entgeht einem keine Nuance von Balkes hochkonzentriertem Spiel. Momentaufnahmen zwar, Schnappschüsse: Aber auf CD gebannt eignen sich viele der Miniaturen zum Immer-wieder-Hören, zum Hineinhorchen, zum Erforschen. Sehr schön, sehr fremd, sehr nah, sehr gut. (sep)



Siehe auch:
Matthias Eick

   

Rotor
(1998, Curling Legs CLPCD42)

Ein Flügel setzt verschlungene Melodien, sparsame Akkorde, kaum fühlbaren Rhythmus als Intro zu »ROTOR«, das der norwegische Pianist und Kompositionskünstler ausschließlich für sein Instrument und das Cicada Streichquartett geschrieben hat. Dieses steigt ein mit hingetupften Noten, die erst mal stehen bleiben wie eine Stange in der Wüste. Werden mehr, werden harmonisch, werden disharmonisch, scheinen zu quälen – und ergeben mit dem Piano ein spannendes Geflecht aus Klängen, größtenteils durchkomponiert, mit wenig Improvisationsraum ausschließlich für Balke selbst.

Reichlich kühl ist diese Musik, es könnte Filmmusik sein für einen düsteren Endzeit-Film in Schwarz-Weiß, in dem nur wenige überlebende Menschen sich durch karge, atomverseuchte Landschaften aus Stein ihren Weg bahnen. Nichts desto trotz ist »ROTOR« faszinierend, wenn man den verschiedenen Stimmen lauscht und sich überraschen lässt, was passiert – und was nicht passiert, denn zu Balkes Konzept gehört auch die Pause, das Nicht-Spielen als musikalisches Element. Jon Balke fordert seine Mitspieler und die Zuhörer; wer sich darauf einlässt, wird belohnt. (tjk)



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