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ReComposed
(2006, Deutsche Grammophon/Universal 476 5676)
Neue Musik ist abstrakt, anstrengend, unsinnlich? Weit gefehlt, wenn ein Exzentriker wie Jimi Tenor erlaubt wird, sich der Klassiker des 20. Jahrhunderts anzunehmen. Die Deutsche Grammophon hat dem Finnen ihre Archive für »Rekompositionen« geöffnet. Nach dem ersten Projekt dieser Art, für das Matthias Arfmann im letzten Jahr Klassik und Romantik verpopte, setzt Tenor neue Maßstäbe. Für ihn folgt aus jeder Dekonstruktion eine Neukonstruktion, er vermischt Material und eigene Musik zu etwas Eigenständigem – einer überaus skurrilen Musik, die vor Kreativität sprüht und Purzelbäume schlägt, die mit Respekt und Unverschämtheit zugleich die oft so ernste »E-Musik« der Avantgarde von ihrem Kunst-Sockel holt. Zum Beispiel »Ionisation« von Varèse. Das Skandalstück für Schlagzeug von 1931 versieht Tenor mit einem lässigen Beat, loopt kleine Strukturen, bettet Synthesizer-Klänge ins Höllenspektakel des Schlagwerk-Sounds ein. Er hütet sich allerdings davor, einfach einen festen Beat unterzukleben; seine behutsame und doch radikale Erweiterung und Umdeutung des Stücks bleibt immer flexibel, voller flüchtiger Details. Die Rekomposition ist so experimentell und neu, wie es »Ionisation« in den 30ern war, und groovt doch unwiderstehlich. Oder Pierre Boulez' »Messagesquisse«, das Tenor in peitschenden High-Speed-Funk verwandelt, mit Jethro-Tull-Querflöten-Soli, sattem Beat und pathetischen Chor-Einwürfen. Das klingt so, als müsse es so sein, als habe das Stück nie anders geklungen.
Tenors Witz liegt darin, die historischem Ernst getragenen Avantgarde-Musik in Zitate zu verwandeln und gleichzeitig mit seiner eigenen musikalischen Historie ebenso zu verfahren. Vieles klingt verdächtig nach den 80ern, die Drum-Maschinen, die Bläsersätze, archaisch fiepsende Synthesizer wie der Korg Poly 800. Aus Steve Reichs minimalen Phrasen baut er Tenor-typische, schwerelose Space-Funk-Musik; Erik Saties »Vexations« entfernt sich in drei Versionen immer weiter vom Original hin zum puren Tenor-Sound. Wie konzentriert Jimi Tenor nicht bloß mit dem Material arbeitet, sondern sich bis über beide Ohren darin hineinkomponiert, hört man vielleicht am besten in Boulez' »Répons«. Hier lassen sich alt und neu, Hörspiel und Kunst, Alltagsgeräusch und Elektronik, Lounge und Konzertsaal nicht mehr auseinander dividieren. Schon beim zweiten »RECOMPOSED«-Projekt hat Tenor die Messlatte so hoch gelegt, dass es für die folgenden Künstler schwer sein wird, sie nicht zu reißen. (sep)
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